Bollywoodelfe's Blog

Eine deutsche Sicht auf Bollywood, Indien , Pakistan

Bombairiya -verwirrt durch Mumbai

Was die Story betrifft, habe ich sehr schnell aufgegeben, durchzusehen. Es ist absolut verwirrend, was hier geschieht und als Zuschauer hat man nicht die leiseste Ahnung, wohin das Comedy Drama eigentlich führen soll, welches am Ende wiederum gar keine Komödie ist, weil es eine ernst gemeinte Lobpreisung von Zeugenschutzprogrammen sein soll. Also am Ende ergibt es dann doch alles irgendwie einen Sinn und ich fand es zwischendrin aus zwei Gründen gar nicht so schlimm, den Faden zu verlieren:

  • Mumbai: er wurde in über 40 Orten in Mumbai gedreht und als absoluter Mumbai-Liebhaber ging mir einfach das Herz auf, so viele Orte wiederzusehen
  • Radhika Apte: dieser Frau zuzusehen ist schon Unterhaltung genug

Sehr witzig fand ich die kleine „Lesbenpisode“. Muss man gesehen haben. Ist eine sehr gute Variante, das unerfahrenen Menschen auf diesem Gebiet mit dem Vergleich zu einer religiösen Geschichte zu erklären. Da hatte der Gott doch auch zwei Mütter. Ach so! Na dann! Ist das ja alles gar nicht so schlimm.

Zu sehen bei Netflix: https://www.netflix.com/de/title/81013990

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Coming out in Bollywood

Ich hätte mir so gewünscht, dass dieser Film eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität ist. Natürlich verstehe ich, dass man hier unfassbar vorsichtig ans indische Publikum herangehen muss. Wir wissen ja, wie schnell dort das Publikum ausflippen kann und Kinos in Brand steckt und Verwüstungen anrichtet, wenn etwas entgegen ihren traditionellen Ansprüchen und Vorstellungen ist. Aber diesem vollkommen weichgespülten Film können aus meiner Sicht nur Inder etwas abgewinnen, die sich mit diesem Thema noch nie so ernsthaft beschäftigt haben. Es ist der erste klassische Bollywoodfilm zu diesem Thema. Es gibt viele positive Kommentare von Indern. Und ja, ich bin da wohl nicht die Zielgruppe des unbedarften Zuschauers. Sicher ist es gut, einfach mal damit anzufangen, dann kann mich sich ja vielleicht steigern. Es muss sich steigern!

Die lesbische Hauptdarstellerin ist nicht im entferntesten lesbisch. Mit viel Phantasie kann man etwas in die Umarmungen mit ihrer Freundin hinein interpretieren. Aber eigentlich sind es nur gute Freundinnen. So gesehen könnte man eigentlich jedem Freundinnenpärchen Homosexualität unterstellen. Von Lovestory keine Spur.

Es wird zwar die Kindheit beleuchtet und wie die Hauptdarstellerin zu leiden hatte, nicht „normal“ zu sein. Aber irgendwie auch nicht dramatischer als jedes andere Kinderleben auch. Sonderlich geschädigt erscheint ihr jetziges Leben dadurch nicht.

Und das Coming Out in Form eines Theaterstücks. Tolle Idee. Nur so überhaupt nicht praktikabel umsetzbar im Leben eines homosexuellen Menschen.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass dieser Film irgendwas bewirkt. Und wenn man Rajkumar Rao Fan ist, ist der Film sehr enttäuschend.

Aber vielleicht könnt ihr dem Film ja etwas abgewinnen:

https://www.netflix.com/de/title/81076749

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Mumbai – my love

Nach meiner ersten Indienreise hatte ich einen sehr ambivalenten Eindruck von diesem unglaublichen Land und dachte eigentlich, dass nun bei jeder Reise auch immer  unbehagliche Situationen auf mich zukommen würden: auf Schritt und Tritt nervige Verkäufer, ein unsichtbares Schild „nimm mich aus, ich hab’s ja“ auf der Stirn. Zwielichtige Situationen mit Polizisten, sich als Frau immer als potentielles Opfer von Gewalt und Diskriminierung zu sehen. Der Drang, dieses Land noch einmal zu besuchen, hielt sich tatsächlich in Grenzen. Bis Mumbai mich dankenswerterweise eines Besseren belehrte. Was auch hauptsächlich daran lag, dass die beiden Frauen, bei denen wir ein paar Tage lebten als wäre es unser Zuhause, ungewöhnlich stark und durchsetzungsfähig sind und sich nichts gefallen lassen. Darüberhinaus wurden wir in Mumbai nie bedrängt und zu jeder Zeit von allen freundlich behandelt. Da ich diese beiden starken Frauen gern unterstützen möchte, empfehle ich bei einer Reise nach Mumbai eine Tour mit Fabby zu machen (Facebook: Follow Fabby Tours oder Instagram: Fabby ). Mit den folgenden Bildern möchte ich eure Reiselust wecken:

Da wir riesige Fans des Films „Gully Boy“ sind, durften wir eine Tour durch ein muslimisches Viertel machen, in dem man sich haargenau so vorkam, als würde man geradewegs durch die Filmkulissen schweifen.

Als Fortbewegungsmittel sollte man alles einmal erleben: zu Fuß, immer bereit zum Sprung, da man sich die Straße mit allen anderen Verkehrsteilnehmern teilen muss. Mit einem der Taxis fahren, jedes für sich fast künstlerisch im Inneren gestaltet und billiger als ein Ticket hier mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Mit dem Bus, wo der Schaffner einem noch persönlich den Fahrschein verkauft und die kommen, wann sie eben kommen. Mit dem Zug, in dem Popcorn verkauft wird und das auch sehr passend ist, da man sich wie in einem Bollywoodfilm vorkommt. Roller und Fahrrad sind eher next level und nur was für ganz Hartgesottene.

Die Tuktuks sind aus der Innenstadt verbannt, da so schon alles verstopft ist. Die fahren dann eher in den Außenbereichen. Zum Beispiel zu Shahrukh Khans Haus. Ja, wir waren auch da. Nur er nicht. Wir verpassten uns quasi am Flughafen. Er kam aus der Schweiz zurück und ich flog nach Sri Lanka. Hätte ich ihn noch am Flughafen gesehen, wäre es sicher zum wilden Tumult gekommen 🙂

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Die Fischer bei ihrer täglichen Arbeit erleben ist nicht nur geruchstechnisch unvergesslich.

Hier das fast idyllische Fischerdorf, dort hinten die modernen Hochhäuser, in denen die reichen Bollywoodstars leben. Kontrastreicher könnte es nicht sein.

Ganz besonders spannend fand ich den Ausflug in einen Filmpark, in dem zahlreiche Bollywoodfilmkulissen stehen und wo auch jederzeit Filme gedreht werden. Wir hatten die Chance, dort auch eine Show zu sehen, in der ich ein unglaubliches Salman Khan Double erleben durfte. In Sachen Coolness steht er dem Original in Nichts nach und ich würde mal behaupten, er kann sogar viel besser tanzen^^.

Ganz besonders angetan haben es mir die vielen Katzen <3. Ich liebe Katzen und sie helfen einem in manchen Augenblicken, in denen man fast durchdreht, weil die Stadt 24h lang ein einziges Hupkonzert ist, dass man für einen Moment abschalten kann und sich dann weiter auf diese wahnsinnig spannende Stadt konzentrieren kann.

Ein außergewöhnliches und einzigartiges Erlebnis, sich den wunderschönen Sonnenaufgang anzusehen, bietet sich beim Sitz des Gouverneurs von Maharashtra. Wir hatten sogar das Glück, ihn dann auch persönlich anzutreffen und für Bilder zu posieren. Wer weiß, in welcher regionalen Zeitung wir nun als Ehrengäste zu sehen sind, denn wir waren die einzigen Touristen bei unserer Tour. Auch für die Einheimischen ist diese Sonnenaufgang-Tour etwas ganz Besonderes und noch gar nicht so lange möglich.

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Das Gateway of India ist zwar ein Ort, an dem man dann doch auf sehr viele Touristen trifft, aber aufgrund des Films „Photograph“ mussten wir einfach an diesen denkwürdigen Ort. Leider wurden wir dann natürlich auch etwas „abgezockt“, wie man das mit Touristen eben so macht, aber da es unsere einzige Abzockaktion bis dahin war, konnten wir das verkraften. Man sollte den Preis und Anzahl der Bilder vorher festklopfen und sich auf keine weiteren Diskussionen im Nachhinein einlassen.

Ein Besuch auf den Märkten ist immer spannend und auch teilweise eine Zeitreise. Das Streetfood war unheimlich lecker und hat uns in keinster Weise geschadet (immer meine Angst). In Mumbai wird gerade viel abgerissen und neu gebaut. Zum Leidwesen der ärmeren Menschen. Das Wohnen in Mumbai ist unheimlich teuer und wird so immer unerschwinglicher.

Wir waren zwar nur vier Tage in Mumbai, haben aber unfassbar viel erlebt, dank der Expertise von lovely Fabby. Dass man sich im Leben immer zweimal sieht, wäre für mich ein sehr schöner Ausblick.

 

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Delhi Crime – Es geschah im Jahr 2012

Die unfassbar brutale Vergewaltigung einer Frau durch sechs Männer im Jahr 2012 in Delhi wird niemand vergessen, der diesen Fall in den Medien verfolgte. Diese Gruppenvergewaltigung löste auch international großes Entsetzen aus und ist seitdem Ausgangspunkt für viele indische Filme zu diesem Thema, Grund für neue und härtere Gesetze zum Schutz von Frauen. Manchmal habe ich das Gefühl, es hat sich trotzdem noch lange nicht genug getan. Von daher ist diese Serie äußerst wichtig. Die Geschichte von Jyoti Singh Pandey, die zwei Wochen nach dem furchtbaren Leid, das ihr zugefügt wurde, ihren Verletzungen erlag, darf nie vergessen werden.

Kann man sich diese Serie wirklich antun? Ein realer Fall, an Brutalität gegenüber einer Frau nicht zu überbieten. In allen furchtbaren Details nachzuvollziehen. Ich gebe zu, ich konnte es nur vorsichtig. Eine Folge am Tag war genug. Das muss Frau sacken lassen. Die Szenerie ist aber spannend genug, dass man weiter schauen möchte. Sechs Jahre Recherche für dieses Projekt haben sich gelohnt. Vor allem beeindruckt hat mich die schonungslose Sicht auf den Polizeialltag. In vielen Filmen schon angedeutet, mit welch unkonventionellen Methoden die Polizisten ermitteln müssen, wird hier der schwere Polizeialltag in allen Problematiken beleuchtet: da fällt schon mal der Strom im Polizeirevier aus, weil das Budget des Reviers erschöpft war. Da kann sich der Verhaftete beim Weg über den Fluss losreißen, weil es keine Handschellen gibt und die Polizisten kommen nicht hinterher, weil sie nicht schwimmen können. Da werden sie von Richtern und Medien angefeindet, weil sie generell alle für korrupt gehalten werden und einige das auch sind, weil das Gehalt nicht im Geringsten ausreicht. Da muss man sich damit behelfen, was man in US-Crimeserien gesehen hat, um erfolgreiche Polizeiarbeit zu leisten. Polizisten in den USA, die leben aus ihrer Sicht einen wahren Traum. Sie haben Autos, Zeit für körperliches Training und vor allem genug Geld, um nicht korrupt sein zu müssen.

Leslee Udwin hatte für die BBC 2015 eine Dokumentation gedreht (India’s Daughter), die in Indien verboten wurde. Sie hatte einen der Täter interviewt, der in keinster Weise etwas bereut und der Frau die Schuld an der Vergewaltigung gab, da sie nicht abends „herumstreunen“ sollte. So wie bei ihm so gar kein Mentalitätswandel stattgefunden hat, scheint es bei noch so vielen Männern der Fall.

Der Tod der jungen Frau, die es wagte, sich gegen ihre Vergewaltigung zu wehren, darf definitiv nicht umsonst gewesen und die Aufarbeitung dieses Falls auch in dieser Form ist sehr wichtig.

Zu sehen bei Netflix: https://www.netflix.com/de/title/81076756 

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Photograph – unaufgeregt romantisch

Es war ein Wechselbad der Gefühle an diesem vom Nieselregen durchfeuchteten Mittwochabend in Berlin. Draußen vor der Pressekonferenz im Hyatt hatten sich nur wenige Menschen versammelt, um die Hauptdarsteller von „Photograph“ Nawazuddin Siddiqui und Sanya Malhotra zu begrüßen. Wir wähnten also unsere Chancen überaus gut, Autogramme und Bilder zu bekommen, bevor man am roten Teppich aufgrund dichteren Gedränges leer ausgeht. Zuerst wurde Sanya Malhotra mit dem Auto vorgefahren. Sie war so überaus freundlich und gut gelaunt und machte fleißig Fotos mit den Fans und fragte uns, ob wir den Film später mit ansehen. Dann dauerte es noch eine Weile, kamen die anderen Autos angefahren. Ein Kreischen nach Nawaz ging los, aber nein, es war nur sein Bruder, wie er dann erklärte. Wie aus dem Gesicht geschnitten, ein klein wenig fülliger als Nawazuddin, ohne Bart. Dann kam Nawazuddin himself. Kein Bad in der Menge, nur ein kurzes Foto und ein Autogramm und schon war er drinnen verschwunden. Was?! Der Mann, den man im Film sogar als Mörder sympathisch findet, war so ein Grummel? Tausend Fragen schießen einem durch den Kopf: hat er vielleicht einfach einen schlechten Tag, ist ihm das einfach nur unangenehm, mag er Menschen allgemein nicht, ist er im wahren Leben ein Grummel? Nicht der Ansatz seines zauberhaften Lächelns aus seinen Filmen. Wie enttäuschend! Nachdem wir uns beim Inder etwas aufgewärmt hatten, wollten wir es dann doch nochmal im Friedrichstadtpalast versuchen, ihm etwas näher zu kommen. Schließlich hat man einen Nawazuddin nicht alle Tage hier. Und siehe da, dort kamen wir dann also noch zu unseren Autogrammen und Bildern. Aber immer mit dem Gefühl, dass er diese Prozedur nur notgedrungen über sich ergehen lässt. Ein sehr ambivalentes Gefühl und ich hatte die Befürchtung, dass mir nun sein Film gar nicht mehr so gefallen würde.

Zum Glück zerschlug sich diese Befürchtung. Das Film-Nawazuddin-Ich ist einfach immer großartig. Die größere Herausforderung nach dieser ganzen Aufregung war eher, sich auf diesen absolut unaufgeregten ruhigen, sensiblen Film einzulassen. Eine ganz und gar schüchtern aufgebaute Romanze. Rafi verdient sein Geld in Mumbai mit dem Fotografieren von Touristen. Er wird von allen in seiner Umgebung gegängelt, dass er endlich heiraten soll, er sei ja fast schon zu alt dafür. Seine Großmutter tritt schließlich in den Medikamentenstreik, damit er sich endlich eine Frau sucht. Nachdem er eines Tages auf die angehende Buchhalterin Miloni trifft, ein Foto von ihr macht und sie ihm nicht mehr aus dem Kopf geht, schreibt er seiner Großmutter, dass er endlich eine Braut gefunden hat und erfindet einen Beziehung mit Miloni, deren Namen er bis dahin nicht mal kennt und die er „Noori“ nennt, nach einem Lied, das er beim Schreiben des Briefes hört. Kaum erfährt die Großmutter von ihrem Glück kommt sie schnellstens nach Mumbai gereist, um die zukünftige Braut kennen zu lernen. Miloni spielt dieses Spiel tatsächlich mit, denn auch ihr ging Rafi nicht aus dem Kopf, der so ganz besondere Fotos von ihr macht und so langsam, ganz zart und behutsam kommen sich die beiden auch wirklich näher. Die Großmutter bringt sehr viel Humor in die Szenerie, wenn sie geradezu heraus sagt, was sie über das Prinzesschen denkt. Ein bisschen ungewohnt ist es, dass die studierende Tochter offensichtlich ohne Nachfragen der Eltern sehr viel Zeit außerhalb des Hauses verbringen darf. Das habe ich sonst noch selten in einem indischen Film gesehen und erscheint mir zu unrealistisch. Die offensichtlich unterschiedlichen Lebenswelten wären im wahren Leben wohl auch ein eher unüberwindbares Hindernis: er aus dem Dorf in einem Raum mit mehreren anderen Männern lebend und sie aus reicherem Hause mit Dienerin. Aber wir dürfen uns das Ende der Geschichte ja schon wie in Lunchbox schön denken. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Von daher eher hoffnungslos romantisch gedacht.

Wunderbare Kameraführung, die Handlung kommt durch wenige feinfühlige Gesten und ohne viel Gerede voran. Man kann sich viel selber denken, während hier eine ganz zarte Blüte der Liebe austreibt. Das Liebespaar nimmt man den beiden auf jeden Fall ab, es könnte genauso gewesen sein, sie bilden eine Einheit ungeachtet ihrer unterschiedlichen Herkunft.

Leise, unaufgeregt, feinfühlig. Etwas für  Romantiker. Kommt ab 11.April regulär ins Kino.

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Gully Boy – ein Street Rapper auf dem Weg nach oben

Alles fing mit der Pressekonferenz im Hyatt an. Plötzlich gab es einen unfassbar kalten Regenschauer mit Windböen, als die Autos mit den Stars Alia Bhatt und Ranveer Singh angefahren kamen. Genau an unserer Position stiegen die beiden aus dem Auto. Ich war viel zu abgelenkt von Alia, die sich umringt von zwei Schleppenträgerinnen und Schirmträgern in ihrem luftigen Kleidchen fast zu Tode gefroren haben muss. So fasziniert bemerkte ich viel zu spät Ranveer, der alle herzte. Als wir danach in der sehr langen Schlange vorm Friedrichstadtpalast auf den Einlass zu Gully Boy warteten, meinte ein Mann hinter uns, dass er die Karten für diesen Film einfach ins Blaue hinein gekauft hatte, also keine Ahnung, was sich hinter dem Film verbirgt und der sich über den großen Andrang wunderte. Ich würde mal behaupten, er wird sein blaues Wunder erlebt haben! Diesen Kinoabend wird er bestimmt nicht so schnell vergessen. Das Publikum war der Hammer. Sie johlten und gröhlten und rapten und fluchten und waren emotional aufgeputscht. Das war ganz großes Kino. Am Ende legte Ranveer noch seine grandiose Rap-Einlage hin (und ich saß in der zweiten Reihe genau vor ihm und konnte mein Glück kaum fassen) und der Saal kochte und bebte.

Ich bin absolut begeistert von Gully Boy. Ich hab bisher noch nie einen indischen Film gesehen, in dem Rap und Hip Hop wirklich gut rüber kamen. Das war meist mehr gewollt als gekonnt. Hier geht es richtig gut ab und Ranveer kann das! Es hat also lange gedauert bis zur indischen Kopie von 8Mile (Spaß;), aber hier kommt ein Kracher. Denn Gully Boy, der eigentlich Murad heißt, der Junge von der Straße (wie es übersetzt heißt), hat viel zu erzählen von seinem Leben, das so viele Schwierigkeiten beinhaltet. Er wohnt in einem muslimischen „Ghetto“, sein Vater bringt eine neue Frau mit nach Hause (Muslime können ja mehrere Ehefrauen haben), womit seine Mutter natürlich sehr schlecht zurecht kommt und er wird von seinem Vater gezwungen, dessen Job als Fahrer reicher Leute zu übernehmen. Neben dem Studium. Sie sind als Diener geboren und so wird es auch immer bleiben. Halte den Kopf gesenkt. Das sind die Dinge, die ihm sein Vater mitgibt fürs Leben. Als dass Fass zum Überlaufen kommt, wird Murad seinem Vater gewaltig die Meinung zu dieser Einstellung sagen.

Wenn das Leben komfortabel wäre, würde niemand rappen, meint der Rapper MC Sher zu ihm, als er Murad etwas Mut geben will, seine Texte auch vor Publikum zu präsentieren. Und so begleiten wir ihn Schritt für Schritt auf dem Weg zu einem Star. Nebenbei werden ganz ganz viele Wahrheiten angesprochen und das macht den Film wahnsinnig emotional. Seine heimliche Freundin Safia, gespielt von Alia Bhatt fährt die Krallen aus, wenn es um ihren Murad geht. Keine andere Frau soll ihm zu nahe kommen, sonst gibts Prügel. Richtig Prügel. Sie studiert Medizin. Als sie verheiratet werden soll, antwortet sie auf die Frage, ob sie kochen kann: nicht so gut, aber ich kann Ihnen später eine Leber transplantieren. Bäm! In your face. Und es werden noch viele Gelegenheiten kommen in denen die Kinder ihren Eltern sagen, was sie davon halten, dass sie von ihnen in eine bestimmte Richtung gedrängt werden ohne Rücksicht auf ihre Leidenschaften und dem, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Dass sie Dinge eben heimlich tun müssen, weil sie ihnen nie erlaubt würden, aber sie würden lieber die Wahrheit sagen. Es werden so unheimlich viele Themen angesprochen, manchmal vielleicht auch etwas zuviel, z.B. wenn sie während einer nächtlichen Grafitti-Tour mit der scheinheiligen Werbewelt aufräumen. Es passt aber. Alles passt. Ok am Ende ist der bis dahin absolut uneinsichtige Vater geläutert und das ist dann wohl eher unrealistisch. Aber das ist nicht so wichtig. Wichtig ist der Weg des Gully Boy. Seine Zeit ist gekommen. Er hat an sich geglaubt.

 

 

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Manikarnika – die indische Jeanne d’Arc

Wenn sich all die Moguln und Maharadschas einig gewesen wären und wie Manikarnika an das Wohlergehen des gesamten Indien gedacht hätten, hätten die Briten damals vielleicht nicht so ein leichtes Spiel bei der Besetzung von Indien gehabt. So aber wurde Manikarnika aus den eigenen Reihen verraten und leider wissen wir aus der Geschichte, dass ihr unglaublich tapferer Widerstand gegen die Briten leider zu dem Zeitpunkt noch lange nicht die erhoffte Freiheit für ihr Land brachte. Sie wurde aber zu einer führenden Figur der Indischen Rebellion von 1857 gegen die East India Company und ging in die Geschichte ein.

Der Film sorgte schon beim Dreh für einige Kämpfe. Hauptdarstellerin Kangana Ranaut bestand darauf, dass Sonu Sood aus dem Film entfernt wurde, weil er ihrer Meinung nach durch seine starke Leinwandpräsenz die ihre schwächte. Er wurde dann durch einen anderen Schauspieler ersetzt. Da der Regisseur aber zu der Zeit schon für ein anderes Projekt drehte, führte sie selbst Regie für die Szenen mit dem Ersatz-Schauspieler. Nach der Fertigstellung des Films gingen dann die Querelen mit dem Verleih los. Der Verleih zog den Film zurück, da es Probleme mit dem Zwischenhändler der Rechte gab, die wohl nicht rechtzeitig gelöst werden konnten. So wurde der Film gar nicht wie angekündigt in größerem Umfang in den deutschen Kinos gezeigt. Zum Glück gibt es ja immer noch das Kino Babylon in Berlin, dass gesondert indische Filme zeigt. Plötzlich aber war der Film ausverkauft, was sich dann jedoch als Fehler im System erwies und der Kinosaal blieb unerwartet leer, wo sich sonst viele Inder mit uns tummeln. Zu guter Letzt kam es kurz vor Schluss noch zu einem Kurzschluss und der Film ging mitten in der letzten Schlacht aus. Was für ein unerwartet großes Drama dieser Film doch mit sich brachte!

Aus unserer Sicht war der Regiewechsel auch irgendwie zu merken. Während man am Anfang eher unbeteiligt die Geschehnisse betrachtete und sich nicht sonderlich emotional hinein gezogen wurde, fieberte man am Ende doch sehr mit Lakshmi Bai (Manikarnikas Name nach der Hochzeit) mit, wenn sie wie im Blutrausch Brite für Brite niedermetzelt, übersät mit Blutspritzern. Hach, was für ein grandioses Gemetzel im Kampf um die Freiheit. Und während Jeanne d’Arc auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, ließ sie sich gar nicht erst gefangen nehmen und verbrannte sich lieber selbst auf dem Schlachtfeld. Was für eine Heldin!!!

Ich würde sagen, in den letzten Zügen des Films wird er der originalen Heldin wahrscheinlich gerecht. Indische Filme, die heldenhafte Frauen auch mal als solche darstellen, gibt es leider viel zu wenig. Leider verpuffen aus meiner Sicht die Stunt-Effekte etwas. Das hat nicht im Ansatz die Qualität eines Bahubaali. Obwohl man diese Stunts in ihrer Absurdität schon eher witzig findet, bleibt es bei ihm doch trotzdem noch heroisch. Bei ihr wirkt es allzu irreal. Die echte Lakshmibai, Rani of Jhansi, konnte garantiert auch ohne Animation hervorragend reiten und fechten. Manchmal ist weniger mehr. Und ich finde es gut, dass Kangana der Frau genug Raum auf der Leinwand geben wollte, auf dass die Herren mal etwas verblassen, denn hier steht eine Frau im Mittelpunkt, die gefeiert werden sollte und nicht wie im sonstigen indischen Leben nichts wert ist.

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Soni – Kämpferin in einer frauenfeindlichen Welt

Wenn das Leben von Frauen in Indien in all den problematischen Facetten beleuchtet wird, ist das meist deprimierend. Hier kämpfen die Polizistin Soni und ihre Chefin Kalpana gegen die täglichen frustrierenden Situationen im Leben einer Frau. Soni ist sehr ungestüm und wird auch schon mal handgreiflich, wenn sie beim Versuch, eine Situation mit Worten zu klären, nicht weiterkommt und stattdessen nur sexuell lüsternd angemacht wird. Bevor die Männer sie körperlich angreifen können, greift sie zu. Das kann man ihr als Zuschauerin überhaupt nicht verübeln, ist aber so gar nicht mit ihrem Job als Polizistin zu vereinbaren. Ihre Chefin Kalpana bekommt den Ärger mit ab, weiß aber die insgesamt gute Arbeit ihrer Mitarbeiterin zu schätzen. Neben den brenzligen Begebenheiten im Beruf haben die Frauen auch im Privatleben mit einigen frauentypischen Problemen zu kämpfen. Der ständige gesellschaftliche Druck auf die Frauen, die sich als Gebärmutter der Nation gefälligst um Nachwuchs zu kümmern haben und nicht um den Beruf, die eine ordentlich arrangierte Ehe führen sollen, ohne Skandale. Keine Aufmüpfigkeiten bitte und immer schön der Tradition nach. Wenn man als alleinstehende Frau unterwegs ist, sollte sie sich besser als verheiratete Frau mit Sindur kennzeichnen (dürfen nur verheiratete Frauen als Kennzeichen tragen), damit sie nicht belästigt wird. Nur nicht auffallen. Nur keine Aufmerksamkeit von Männern auf sich ziehen. Sonst droht Vergewaltigung. Die beiden Frauen versuchen, sich mit den Gegebenheiten so gut es geht zu arrangieren. Sonst landet Frau schließlich schnell am Rande der Gesellschaft. Letztlich ist sich Soni überhaupt nicht mehr sicher, ob ihre Arbeit als Polizistin etwas nützt. Ich finde, wenn Frauen sich im männlich dominierten Berufsleben behaupten, ist das in jedem Fall wichtig. Sich zeigen. Auch die Frauen sind gehören dort hin. Das nützt sehr wohl etwas.

Sehr realistisch dargestellt ist auch insgesamt die Arbeit im Polizeirevier. Einige Polizisten versuchen Bestechungsgelder zu erpressen, Frauen als Polizisten werden nicht ernst genommen. Nur wenn sie auf etwas männliche Art harsch werden, bekommen sie Aufmerksamkeit. Und wenn es um Leute mit (parteipolitischem) Einfluss geht, muss auch mal ein polizeiliches Auge zugedrückt werden.

Dieser authentische und realistische Film wird wohl nicht die unterhaltungshungrigen Massen anziehen, erst recht nicht die indischen Zuschauer, die sich gern von ihrer unschönen realen Welt mit Bollywoodfilmen wegträumen. Ich finde solche Filme sehr wichtig. Wenn auch manchmal fast unerträglich, weil man das Gefühl hat, es wird sich für Frauen in Indien nie etwas ändern. Auch nach dem großen Skandal um die Massenvergewaltigung von 2012 gibt es immer und immer wieder furchtbare Fälle dieser Art, die Vergewaltigungsstatistik war 2018 so hoch wie nie.

Die beiden Frauen zusammen im Film wirken immer stark. Vielleicht ist die Botschaft noch mit am Wichtigsten: Zusammen seid ihr stark.

Zu sehen bei Netflix: https://www.netflix.com/de/title/81023713

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Golden Boy – Gedrillt zum Cricket-Star

Muss man Kricket-Fan sein, um diese Serie unterhaltsam zu finden? Ich denke nein. Ich bin kein Kricket-Fan, aber ich habe die Serie mit 6 Folgen an einem Abend durchgeschaut und bin nun etwas enttäuscht, dass ich jetzt ungewiss lange auf die zweite Staffel warten muss, da ich die beiden Hauptdarsteller gern weiter begleiten würde auf dem Weg zum „Selection Day“. Abgesehen vom Kricket geht es nämlich vor allem auch um gesellschaftliche Themen.

Kricket ist der Top1-Sport in Indien, wie bei uns Fußball. Gute Spieler werden von den Menschen wie Helden verehrt, es ist fast wie eine Religion und sie können jede Menge Geld verdienen. So drillt der herrische Vater seine beiden Söhne Radha und Manju seit ihrer Kindheit schonungslos, damit sie einmal auch solche Stars werden. Schon die Geburt war durchgeplant, als er sich eine Hockeyspielerin zur Frau nahm, damit die sportlichen Gene zukünftige Champions versprechen. Nun müssen sie ihrem Vater Tag für Tag Rechenschaft über ihre Kricket-Leistungen ablegen. Der Champion Nr.2, Manju, mag allerdings gar kein Kricket und würde lieber studieren. Doch seine Meinung ist nicht gefragt.

So sehen wir hier den großen familiären Konflikt. Einen Vater, der mit seinem Traum, einen Kricket-Champion zu erschaffen, möglicherweise über Leichen geht? Der Verbleib der Mutter wird immer wieder nur angedeutet, was wirklich mit ihr geschehen ist, wird nicht geklärt. Wir begleiten den Vater und die Söhne auf dem schweren Weg, einen Verein zu finden, der auch ohne Bezahlung ein Talent fördern möchte. Und dann ist da natürlich noch die übliche Schulwechselproblematik, der die beiden Jungs begegnen, als sie endlich an einer Schule ein Stipendium bekommen und das einem reichen Elite-Jungen nicht gefällt.

Die Schauspieler sind alle so gut, dass man sofort eine Verbindung zu ihnen aufbauen kann. Man kann sich gut in alle hinein versetzen. Der Stoff zur Serie stammt aus der gleichnamigen Romavorlage von „Aravind Adiga“, dessen berühmtes Buch „Der weiße Tiger“ den Bookers Prize gewann.

Ich finde: gut gemacht! Ich will unbedingt weiter sehen!

Zu sehen bei Netflix: https://www.netflix.com/de/title/80194558  

 

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Simmba – Hau-drauf-Cop

Was Inder lustig und unterhaltsam finden ist immer recht interessant. In diesem Fall hätte ich mir die Lehrstunde zu Indiens Unterhaltungsindustrie allerdings lieber gespart. Dass Inder auf gewaltverherrlichende Filme abfahren, ist mir bekannt. Muskelbepackte Männer in Polizeiuniformen sind ja spätestens seit Dabanng die absoluten Helden. Stundenlang sieht man die verprügelten Männer durch die Gegend fliegen, schon fast anmutig durchchoreographiert, immer schön in Zeitlupe, damit man sich in jeder Einzelheit vorstellen kann, wieviele Knochen ihnen in diesem Moment brechen. Mehr Fäuste für ein Hallelujah geht nicht. Ein korrupter und etwas schräger Cop (Ranveer Singh) wird im Laufe des Films geläutert. Alles schön und gut. Aber Simmba schießt den (schrägen) Vogel ab, was die Moral von der Geschichte betrifft. Die Frage, was man mit Vergewaltigern macht, die keine Angst vor einer Verurteilung haben müssen und wahrscheinlich ungeschoren davon kommen, stellten sich in letzter Zeit so einige Filme (MOM, Ajji). Hier wird nun als Lösung eine Variante dargestellt, in der die Vergewaltiger vom Polizisten ermordet werden, aber sie es so drehen, dass es nicht wie Mord aussieht. Gerechtfertigter Mord durch die Polizei. Das finde ich mehr als fragwürdig. Nein, mein Fall ist dieses Remake eines Telugu-Films wahrlich nicht. Die Inder im Kinosaal lachten pausenlos, ich hatte dafür nicht mal ein müdes Lächeln übrig. So trennten uns in diesem Film unterhaltungstechnisch Welten.

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