Bollywoodelfe's Blog

Eine deutsche Sicht auf Bollywood, Indien , Pakistan

Lucknow Central – Jail House Rock 2017

Schade, schade, schade! Von einem Film mit Farhan Akthar hätte ich mehr erwartet. Ein Jail House Rock 2017 hätte Potenzial gehabt. Basiert ja auch auf wahren Begebenheiten. Die Gefängnisband gab es wirklich. Leider fand ich nur die letzten 15min des Films sehenswert. Der Song fetzt. „Kaavaan Kaavaan“ ist ein berühmter Song, der gern auf Hochzeiten gespielt wird. Alle haben sich dann am Ende auch irgendwie gefunden und endlich ist man auch den Figuren menschlich etwas näher. Vorher passiert lange nichts. Nichts, was man nicht schon in etlichen Gefängnisfilmen nicht schon gesehen hätte. Und die Figuren kommen irgendwie nicht in Schwung. Fast emotionslos schaut man zu. Aber man will ja dann doch wissen, wie es mit den Gefängnisinsassen endet (da Farhan zu Unrecht im Knast sitzt und ständig die Todesstrafe droht). Klar hat der Film auch Botschaften: Träume kann niemand einsperren. Die Problematik, dass man als Gefangener Wünsche und Hoffnungen für das Leben draußen hat, sich dort aber das Leben weiter dreht, während es im Gefängnis relativ still steht und es eigentlich gar keinen Sinn macht, zu fliehen, weil nichts mehr so ist, wie es vor dem Gefängnis war. Nebenbei flirtet Farhan auch noch etwas mit einer ihm gut gesinnten Frau. Ist aber alles wie gesagt nichts Neues, was man da zu sehen bekommt und nicht sonderlich aufwühlend oder beeindruckend.

Es gibt definitiv sehr viel sehenswertere Filme. Wer mag, kann ja bei Netflix zum Finale vorspulen.

https://www.netflix.com/de/title/80204433 

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Piku – Ach du heiliger Stuhlgang

Zu diesem Film fällt mir der passende Witz ein, den ich neulich von Ranga Yogeshwar gehört habe: „Wenn in Deutschland 3 Männer zusammen stehen, reden sie nach 5 min über Autos. In Indien reden 3 Männer nach 5 min über Magen-Darm-Probleme.“

Wenn Sie schon immer alles über Ausscheidungen wissen wollten: Farbe, Konsistenz, Häufigkeit…dann sind Sie hier richtig. Es gibt kein wichtigeres Thema für Pikus Vater und so beherrschen die Fäkalien sogar ihre Meetings im Büro und ihre Dates. Es wird praktisch in jedem zweiten Satz darüber gesprochen und vor allem gestritten. Quasi „Darm mit Charme“ in schönster Verfilmung. Was kann man für eine gute Verdauung tun, was ist der Vorteil des indischen Sitzes und der große Nachteil des westlichen Toiletten-Throns.

Piku (Deepika Padukone) und ihr 70jähriger Vater (Amitabh Bachchan) sind zwei sehr komplizierte Menschen, die sich ohne Pause anschreien können und sich ständig annerven. Wenn die ganze Familie samt Onkeln und Tanten zusammen kommt, wird es noch lauter und hitziger. Für mich als Zuschauer war das sehr sehr anstrengend. Für alle Menschen im Umfeld der beiden ist es das auch. Die Taxifahrer streiken deswegen schon und wollen Piku nicht mehr fahren. Ihr Vater möchte aber unbedingt von Delhi nach Kalkutta in sein Elternhaus fahren und so erbarmt sich schließlich Rana, der Besitzer des Taxiunternehmens (Irrfan Khan) und fährt die Beiden. Was ihn natürlich alle Nerven kostet. Aber er bleibt immer ruhig und kann gute Tipps zu Stuhlgang und Verdauung des Vaters geben und rastet auch nur einmal kurz aus. Irrfan Khan ist wie gewohnt angenehm und man schaut ihm gerne zu, wie er die beiden Wahnsinnigen oft auf den Boden der Tatsachen herunter holt. Er scheut sich auch nicht davor, die Probleme zwischen Piku und ihrem Vater zu benennen. Diese Momente waren für mich sehr erleichternd zwischen all dem Gebrüll und Gezeter und es hätte niemand diese Rolle besser übernehmen können als Irrfan.

Ich denke, für Inder sorgt sowohl das Fäkalienthema als auch die realistische Darstellung der Probleme einer indischen Familie für viel Lacher. Ich persönlich kann diesem Fäkalhumor durchaus auch etwas abgewinnen und wie schon tausendmal erwähnt, ein Film mit Irrfan Khan lohnt sich immer. Aber die Streitereien sind auch echt anstrengend anzusehen. Kein Film, wenn man vorhat, etwas zu relaxen. Hier kommt der Blutdruck erstmal in Wallung. Das Ende ist etwas vorhersehbar, aber man freut sich auch darauf.

Zu sehen bei Netflix: https://www.netflix.com/title/80049194

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Raazi – Agentin mit Gewissen

Wow! Spannungsgeladene Agenten-Action geht auch ohne die neueste, hochmoderne Spitzentechnologie! Der Film spielt nämlich in den 70er Jahren, zu Zeiten des Indo-Pakistanischen Kriegs von 1971  und Agenten dieser Zeit müssen noch mit recht altertümlich anmutenden Mitteln auskommen. Da werden kritische Informationen eben mit noch mit Morsezeichen übermittelt. Keine KI flüstert einem Telefonnummern oder Namen ins Ohr, alles muss auswendig gelernt werden. Was an sich auch schon mal spannend ist, denn der Rückblick in diese Zeit erscheint sehr authentisch. Aber noch viel spannender ist es, wenn die indische Agentin Sehmat, gespielt von Alia Bhatt, in Pakistan ihren Aufgaben nachkommt und man als Zuschauer jedes Mal mit ihr kurz vorm Herzinfarkt steht, weil sie entdeckt werden könnte, denn das wäre ja ihr Todesurteil.

Das macht diesen Film aus: Agentin Sehmat ist so dermaßen menschlich, keine reine Agenten-Powermaschine, die jeden eiskalt aus dem Weg räumt. Nein, es zerreißt ihr das Herz, wenn sie Menschen töten muss. Sie ist keine Agentin aus Leidenschaft. In Gehorsam zu ihrem Vater möchte sie alles für ihr geliebtes Indien tun. Sogar in eine pakistanische Familie einheiraten, die sorglos die junge Frau aus Indien bei sich willkommen heißt. Aber was Sehmat wahrscheinlich verdrängen wollte: im Notfall muss sie zur Mörderin werden. Und eine kleine Unachtsamkeit ihrerseits sorgt dafür, dass sie tatsächlich töten muss. Was wiederum noch mehr Leid erzeugt, denn die ermordete Person hinterlässt ja trauernde Menschen. Sie erzeugt damit so viel Unglück in ihrem Umfeld…alles zum Wohle ihres Heimatlandes. In ihrer Vision ging es wahrscheinlich nur darum, Informationen zu sammeln und dabei nicht entdeckt zu werden. Der grausame Part, an dessen Ende auch ihr Leben rein gar nichts bedeutet, wenn es um die Sicherheit Indiens geht, überfordert ihre Vorstellungskraft. Ihr Plan geht nicht auf und nun muss sie mit dem Umstand leben, dass sie Menschen auf dem Gewissen hat. Und Sehmat hat ein Gewissen. Das wird dem Zuschauer sehr deutlich gemacht.

In Pakistan wird der Film nicht in den Kinos gezeigt. Wenn Pakistan in einem Film schlecht wegkommt, versprechen sich die Kinobesitzer nicht viel davon. Dabei kommt Pakistan gar nicht schlecht weg. Jeder normale Mensch kann sich denken, dass es genauso erfolgreiche Missionen von pakistanischen Agenten gegeben haben wird. In diesem Film geht es vielmehr um den menschlichen Aspekt. Warum macht ein Mensch so etwas und was macht es mit ihm. Dem Land dienen ist die eine Sache. Mit all den Konsequenzen leben zu müssen, die diese Tätigkeit mit sich bringt, ist die andere Sache. Der Film macht leider wieder die immerwährende Kluft und die Feindschaft der beiden Länder deutlich. Es hat sich nichts geändert. Über Generationen hinweg wird der Hass aufeinander weiter gegeben. Es scheint keinen Ausweg zu geben.

Ganz und gar unerwartet entzückt war ich auch vom pakistanischen Ehemann, gespielt von Vicky Kaushal. Er spielt auch in meinem Lieblingsthriller „Psycho Raman“ mit und im eigens von Netflix produzierten „Liebe pro Quadratzentimeter“, wo er mir auch schon positiv aufgefallen war. Aber hier war ich einfach hin und weg! So anmutige Inder bin ich gar nicht mehr gewohnt…und dann ist er auch noch so nett und lässt ihr alle Zeit der Welt nach der Hochzeit, um sich näher zu kommen. Das ist dann zwar doch ein etwas unrealistischer Märchenprinz. Aber so schön mit anzusehen!

Der Film lohnt sich definitiv: spannungsgeladen, authentisch, anrührend, feinsinnig. Großartig! So mag ich indische Filme.

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Indischer Mathematiker ringt um Anerkennung

Ich muss zugegeben: seit ich in den Sumpf emotional aufwühlender indischer Filme geraten bin, schaffen es Hollywoodfilme kaum noch, mich zu bewegen. „DIE POESIE DES UNENDLICHEN“/“The Man Who Knew Infinity“ hat mich leider auch nicht so berührt, wie es der Geschichte eigentlich gebührt. Er beruht auf wahren Begebenheiten und beleuchtet die rassistischen und akademischen Schwierigkeiten, in die das junge Mathematik-Genie Srinivasa Ramanujan in Cambridge gerät. Ramanujan (gespielt vom hollywoodbekannten Dev Patel) hatte zwar das „Glück“, dass ihn ein zu der Zeit führender britischer Mathematik-Professor (Jeremy Irons) aus Indien nach England holte, da er in Indien nirgendwo Anerkennung für seine mathematischen Formeln fand. Aber damit fangen die Schwierigkeiten auch schon an. Was Ramanujan als von Gott gegeben ansieht, wollen alle anderen mit den strengen Beweisen der westlichen Welt untermauert sehen. Für ein intuitiv vorgehendes Genie die Hölle. Auch menschlich gesehen ist England für ihn eine dauerhafte Qual. Er leidet unter der Trennung seiner Frau, wird ständig rassistisch angefeindet, kann seine vegetarische Ernährung nicht einhalten. Schließlich erkrankt er schwer an Tuberkulose. Wie die Geschichte endet mag jeder selbst sehen.

Ich denke, die wenigsten Menschen kennen diese wahre Begebenheit. Von daher dient der Film in jeder Hinsicht der geschichtlichen Erweiterung des Horizonts. Man muss zum Glück auch kein Mathe-Genie oder unbedingter Mathe-Liebhaber sein, um diesen Film zu verstehen. Denn hier geht es vor allem auch um die (fehlende) Menschlichkeit.

Zu sehen bei Netflix: https://www.netflix.com/title/80084348 

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Ajji – keine Tat bleibt ungestraft

Traurigerweise beschreibt dieser Film die in Indien unverändert tragische Situation für Vergewaltigungsopfer. Obwohl es seit 2012 sehr viel härtere Gesetze gibt, um abschreckend zu wirken, werden diese Gesetze zu oft nicht umgesetzt, da das Rechtssystem teuer, korrupt und langwierig ist. Der jüngste Fall vom Mai ist an Grausamkeit nicht zu überbieten. Der Vater eines vergewaltigten Mädchens bestand darauf, die Täter zu bestrafen. Aus Verärgerung über die verhängte (lächerliche) Strafe (Rumpfbeugen und 625 Euro) drangen die Täter in das Haus der Familie ein, übergossen das ohnehin schon geschändete Mädchen mit Benzin und zündeten es an, so dass es bei lebendigem Leid verbrannte. OHNE WORTE. Was würde man im Gegenzug allzu gern mit diesen …wie soll man solche Leute nennen…Menschlich ist das letzte, was man dazu sagen kann…grausamen Individuen machen?

Mit dieser Frage beschäftigt sich der Film Ajji. Ein 10jähriges Mädchen wird vergewaltigt. Der Täter ist schnell ausgemacht. Das Problem: er ist ein einflussreicher und wohlhabender Bauunternehmer. Der zuständige Polizist tut alles, um die Familie mit Drohungen so einzuschüchtern, dass sie keine Anzeige erstatten (denn er bekommt Schmiergeld..auch ein Problem, das niedrige Gehalt von Polizisten). Der Vater der Familie arbeitet zu lange in der Fabrik, die Mutter verkauft ohne Lizenz Essen, die Großmutter näht Kleidung für Prostituierte. Sie müssen das alles tun, um überleben zu können. Doch der Polizist könnte dafür sorgen, dass sie alle ihren Arbeiten mit einem mal nicht mehr nachkommen dürfen.  Also sind sie gezwungen, zu schweigen. Während der Zuschauer mit ansieht wie die Großmutter täglich versucht, die Wunden des armen kleinen Mädchens zu versorgen. Über Tage hinweg müssen wir mit dem armen Mädchen mitleiden. Ohne wirkliche ärztliche Hilfe. Der Großmutter bricht es (wie auch dem Zuschauer) das Herz, dass diese grausame Tat ungesühnt bleiben soll, während der Täter mit seinem sexuellen Treiben ungeschoren weiter macht. Sie ist eine sehr alte Frau mit Gebrechen und man kann sich erst nicht vorstellen, was sie gegen ihn unternehmen könnte. Aber sie schmiedet gut überlegte Pläne und man ist als Zuschauer davon gefesselt, wie sie sich am Ende an diesem Brutalo, der ihre Enkelin so zugerichtet hat, rächen wird. Das verrate ich hier natürlich nicht. Aber soviel: für Männer wird es kaum zu ertragen sein.

Natürlich ist das keine Option. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Selbstjustiz. Was aber in Indien auch durchaus an der Tagesordnung ist. Selbstjustiz. Ein Mob mordet Menschen nur aufgrund von Gerüchten. Ich finde an dem Film besonders gut, dass hier auch das Leiden des Mädchen danach so ergreifend dargestellt wird. Und sehr spannend ist es, die Großmutter auf dem Weg zur Rache zu begleiten. Wie sie den Täter lange genug beobachtet, um am Ende mit dem Einsatz ihrer Möglichkeiten zu zuschlagen. Ich persönlich finde solche realistischen Darstellungen des Lebens von Mädchen in Indien sehr sehr wichtig und ich finde den Film sehr gelungen!

Zu sehen auf Netflix: https://www.netflix.com/de/title/80993495 

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Was werden die Leute sagen…

„Wenn Du wie die westlichen Idioten lebst, wirst Du in Einsamkeit sterben“ droht der Vater seiner Tochter. Ich, westliche Idiotin, bin heilfroh, dass ich diese unmenschliche Unterdrückung der Frau bisher nur aus Filmen und Büchern kenne. Nisha macht nur das, was alle anderen Teenager in Norwegen/Europa/westlicher Kultur machen: Mit Freunden abhängen, Party machen, mit Jungs flirten, ausprobieren, was das Leben zu bieten hat…zu Hause im Kreis ihrer pakistanischen Familie darf natürlich keiner davon wissen, dort gelten andere Werte. Wenn sie gewusst hätte, was da auf sie zukommt, als ihr Vater sie dann doch mit ihrem Freund bei ihr zu Hause erwischt…der Vater ist so verzweifelt, nichts scheint für ihn schlimmer, als dass der gute Ruf seiner Familie zerstört wird und die pakistanische Gemeinschaft ihn verstößt, dass er sich nicht anders zu helfen weiß, als Nisha nach Pakistan zu bringen, um ihr die Grenzen ihrer Kultur aufzuzeigen. Doch Nisha kommt dort auch nur vom Regen in die Traufe und es nimmt kein gutes Ende wie vom Vater erhofft…ich möchte nicht zu viel spoilern…aber eine Entführung ins Land der Ursprungskultur bringt hier nicht das gewünschte Ergebnis einer Umwandlung in ein unterwürfiges, jungfräuliches Mädchen.

Es gibt leider viel zu viele Länder, in denen mit Mädchen so dramatisch umgegangen wird. Und selbst in Deutschland sind sie ja sogar vor Ehrenmorden nicht sicher. Zwangsheirat scheint oft die letzte Lösung der Eltern, um den guten Ruf wieder herzustellen. Am schlimmsten finde ich immer die Mütter, die dieses grausame Spiel weiter spielen, obwohl sie selbst doch wissen müssen, wie sehr diese Unterdrückung aufgrund von selbst auferlegten Traditionen alles zerstört. Wenn die Mütter nur genug Mut hätten, diesen Teufelskreis zu unterbrechen…immer nur geht es darum, was die Leute sagen. Nie geht es darum, was am besten für das Mädchen ist, was das Mädchen möchte. Es hat sich gefälligst still zu verhalten, bis es ordentlich verheiratet ist. Schweift sie nur einen Grad von ihrer Tugend ab, soll sie sich lieber die Klippen herunter stürzen, als ihre Familie ins Unglück zu stürzen. Das Unglück, dass die anderen Leute sie meiden und schlecht über sie reden. Ein westlicher Kopf wird das nie verstehen. Auch wenn man die Verzweiflung des Vaters sehr gut nachvollziehen kann. Auch wenn er natürlich nur das Beste für seine Tochter will. Aber um welchen Preis.

Adil Hussain, dem europäischen Publikum aus „Life of Pi“ bekannt, spielt den grausamen Vater so überzeugend, dass man ihn wirklich hasst. Maria Mozhdah bringt es sehr menschlich auf die Leinwand, sich um des Friedens Willen der Familie beugen zu wollen, versuchen sich unterzuordnen, aber es schließlich einfach nicht zu können, weil es nicht ihr Leben ist, sondern das, was die anderen für sie beschließen.

Es kann nicht genug solcher Filme geben, die einem so realistisch das Schicksal von Millionen von Mädchen vor Augen führen. Ein Leben unter Zwang.

http://wwdls.pandorafilm.de/

 

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Hindi Medium – Überleben in der Optimierungsgesellschaft

Wie schon oft erwähnt: mit Irrfan Khan Filmen kann man nichts falsch machen. Dieser hier ist wirklich wunderbar unterhaltsam, weil er das Thema „wie erlange ich das Optimum für meinen Nachwuchs“ in seinen blütenhaftesten Absurditäten darstellt, wie es (auch in Deutschland) schon zu oft der Fall ist: hier wird mit allen Mitteln gekämpft, um den Kindern die besten Chancen zu geben. Denn allein die „richtige“ Schule wird später unabänderbaren Einfluss auf die Karrieremöglichkeiten des Kindes haben. Kommt es auf die „falsche“ Schule, wird das Kind ein trauriges Schicksal erleiden und in der Gosse landen. Irrfan Khan und Saba Qamar als Eltern möchten ihrer Tochter alles ermöglichen, sind aber weder besonders reich, um die Tochter auf eine teure Privatschule zu schicken, noch sind sie besonders arm, denn arme Familien bekommen eine Quote und haben auch eine Chance auf einen Platz in einer besseren Schule, die von Chinesisch bis Klavierunterricht alles bieten. Sie lassen sich nun von einer Beraterin in langen Sitzungen auf das Interview in ihrer Lieblingsschule vorbereiten. Leider fällt der Vater dann beim Interview durch und ihre Tochter wird somit weder auf dieser, noch auf anderen guten Schulen angenommen, wo die Kinder den ganzen Tag auf außergewöhnliche Leistungen getrimmt werden. In ihrer Verzweiflung lassen sie sich dazu hinreißen, so zu tun, als wären sie so arm, dass sie wenigstens über die Armenquote in die Schule kommen können. Dafür ziehen sie aus ihrer Mittelklasse-Gegend in ein Armenviertel und versuchen den Kontrolleur davon zu überzeugen, wirklich arm zu sein. Man kann sich vorstellen, wie lustig allein diese Szenen sind. Natürlich verläuft das alles nicht nach Plan…und am Ende sind sie geläutert und finanzieren eine dieser „schlechten“ Schulen, damit aus der Schule eine wird, die ihrer Tochter ebenso gute Möglichkeiten bietet wie jede andere Schule.

Das Traurige ist, dass hier wirklich alles auf realen Bedingungen beruht, denen sich Eltern heutzutage gegenüber sehen. Man muss fast seine Seele verkaufen, um gewisse Bedingungen zu erfüllen. Man muss am besten schon Entscheidungen treffen, wenn das Kind noch gar nicht geboren ist. Wenn das Kind nicht schon mit dem ersten Lebensjahr mehrere Sprachen spricht, wie soll es da jemals mit dem großen Konkurrenzdruck zwischen all den Supertalenten zurecht kommen. Aber diese traurige Wahrheit wird in dem Film mit einem so wunderbaren Humor begleitet, dass man wirklich sehr gut darüber lachen kann, wie abartig diese Optimierungsgesellschaft funktioniert.  Großartig!

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Phillauri – der Geist der Vergangenheit

Eine sehr bezaubernde Idee, mit einem historisch sehr dramatischen Ereignis umzugehen. Man schickt einen Geist in Form von Anushka Sharma vor, um im Verlaufe des Films an das ungeheuerliche Jallianwala Bagh/Amritsar Massaker von 1919 zu erinnern. Britische Soldaten feuerten damals auf Pilger des religiösen Baishakhi Festes und so starben hunderte Inder im Kugelhagel.

Der Film fängt in der heutigen Zeit an. Der junge Kanan (gespielt von Suraj Sharma…hach, er wird seinem Namen „Sonne“ so was von gerecht) soll erst einen Baum heiraten, bevor er seine wirkliche Braut heiraten kann, weil er unter einem schlechten Stern geboren wurde und das Horoskop nun diese Lösung für ihn vorsieht, um die Heirat wieder ins Gleichgewicht der Sterne zu bringen. Indische Tradition eben, da kann er nichts machen. Der Baum wird danach gefällt. Wie sich am nächsten Morgen heraus stellt, war das allerdings keine gute Idee, denn nun bekommt er Besuch von einem Geist, der mit diesem Baum zusammen hängt. Der Geist, den nur er sehen kann, bringt ihn natürlich in alle möglichen ungünstigen Umstände, so dass fast die Hochzeit platzt…der Geist würde ja auch gern verschwinden, hat aber keine Idee, warum er hier noch auf Erden wandeln muss. In Rückblenden erfahren wir mehr aus ihrem damaligen Leben. Als Shashi lebte sie damals in einem Dorf und schrieb anonym Gedichte, die regelmäßig in einer Zeitschrift für alle lesbar veröffentlicht werden. Alle im Dorf denken, der berühmte Sänger des Dorfes,  Roop Lal ‚Phillauri‘, schreibt diese schönen Gedichte. Er ist zu dem Zeitpunkt nicht unbedingt ein „ehrbarer“ Mann und als er bemerkt, dass Shashi die Einzige ist, die nicht zu seinen Konzerten kommt, konfrontiert sie ihn damit, dass er nie solche hochwertigen Texte schreiben könnte. Das nagt so sehr an ihm, dass er von da an sein Leben ändert und sich zu einem ehrbaren Mann entwickelt. So kommen sie sich letztlich doch näher, was noch zu einem großen Drama mit Shashis Bruder führt, der absolut gegen die Verbindung ist. Shashi wünscht sich, dass Roop Lal ihre Gedichte mit seiner Stimme auf Schallplatte aufnimmt und er willigt schließlich ein und macht sich auf nach Amritsar. Er schickt das eingenommene Geld zu Shashi mit einem Brief, dass er sie gern zum religiösen Baisakhi Fest heiraten möchte. Der Bruder von Shashi sieht ein, dass er doch ein anständiger Mensch ist und trifft Vorkehrungen für die Hochzeit. Was dann geschieht, ist sehr dramatisch. Roop Lal erscheint nicht zur Hochzeit und die inzwischen schwangere Shashi ist so am Boden zerstört, dass sie sich an besagtem Baum erhängt. Nun, wenn ein Geist immer noch auf Erden sein Unwesen treiben muss, dann hängt das ja meist daran, dass es noch etwas Ungeklärtes gibt. Denkt sich auch die Braut aus der Neuzeit und gemeinsam suchen sie nach diesem Ungeklärten. Mit Hilfe der Großmutter erinnern sie sich dann an das Massaker von Amritsar. Sie fahren zusammen zum dortigen Massengrab und schließlich trifft Shashi auf den Geist von Roop Lal. Damit können sie beide in Frieden ruhen.

Dieser Film ist wirklich eine hochwertige Erinnerung mit wunderbaren Sets und Kostümen an ein solch dramatisches Ereignis, der mit seinem Einstieg in der heutigen Zeit sicher auch jüngere Leute erreicht. Wenn es Filme schaffen, einem fast das Herz mit Emotionen zu bersten, dann indische. Ich war sehr gerührt von diesem Film. Mit den Rückblenden gerät man immer tiefer in die dortige Zeit und am Ende leidet man so sehr unter den tragischen Umständen mit, als wäre es gerade erst nahe stehenden Personen passiert. Solche Ereignisse sollten auf jeden Fall aufgearbeitet werden und dieser Film macht das ohne große Anklagen.

Kann sein, dass sich an diesem Film die Geister scheiden (hihi)…manch einer mag vielleicht mit der Portion Fantasy nicht zurecht kommen oder der Wechsel zwischen teilweise Slapstick-moderner Zeit und historischen Rückblenden macht einen etwas ungeduldig (ja, auch meine Geduld war da gefragt). Ich finde aber, das er sich im Ganzen lohnt.

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Poorna – ein Mädchen will hoch hinaus

In dieser Geschichte, die auf der wahren Begebenheit beruht, dass  Malavath Poorna mit 13 Jahren das jüngste Mädchen der Welt ist, das den Mount Everest bestieg, steckt so viel Hoffnung, dass sich in der indischen Gesellschaft doch viel bewegen kann.

Poorna und ihre beste Freundin haben arme Eltern und müssen in ihrer Dorfschule hart dafür arbeiten, in die Schule zu dürfen, da ihre Eltern das Schulgeld nicht bezahlen können. Als sie einen Aushang finden, in dem von einer Schule die Rede ist, für die nichts bezahlt werden muss und in der man auch noch täglich eine warme Mahlzeit bekommt, kennen sie kein anderes Ziel mehr, als dort zur Schule zu gehen. Doch die Pläne werden jäh zerstört, denn Poornas Freundin wird verheiratet und ein ganzer Lebenstraum zerplatzt jäh. Nun wird ihr Leben nur daraus bestehen, Hausfrau und Mutter zu sein. So warnt Poornas Freundin sie eindringlich, dass sie um Himmels willen nicht wieder nach Hause kommen soll, da sie dann nur verheiratet wird. So entscheidet sich Poorna in den Ferien für einen ihr bis dahin unbekannten Climbing-Kurs, anstatt zurück zu ihren Eltern zu fahren. Sie entwickelt dort so viel Mut und Geschicklichkeit, dass ihr Trainer sie gern weiter und für höhere Berge trainieren möchte. Mit Hilfe eines engagierten Schuldirektors darf Poorna über sich hinaus wachsen. Das ist mehr als inspirierend, das tut so verdammt gut, dass so etwas möglich ist. Und Poorna hat allen gezeigt, zu was junge Mädchen fähig sind, wenn man sie nicht einsperrt und ihrer Fähigkeiten beraubt, in dem man sie früh verheiratet.

Rahul Bose hat einen sehr rührenden Film erschaffen, der wirklich zu Herzen geht.

Ain’t No Mountain High Enough!

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Peepli Live – Bauernselbstmord als letzter Ausweg

Dieser schwarzhumorige Film lief auf der Berlinale 2010 und wurde sogar für den deutschen Markt als DVD veröffentlicht.  Seit heute gibt es ihn auch bei Netflix zu sehen.

Über das eigentlich sehr bedrückende Schicksal der Bauern in Indien einen Film zu sehen, in dem sich vor lauter Asburdität Szenen ergeben, in denen man herzhaft lachen kann scheint an sich schon absurd, aber funktioniert. Schwarzer Humor vom Feinsten. Als dem Bauern Nathan droht, Haus und Hof zu verlieren, und er und sein Bruder in einem Gespräch mithören, dass es ein Programm der Regierung gibt, die für die Hinterbliebenen von Selbstmördern 100.000 Rupien bereitstellt, sieht sein Bruder dies als letzten Ausweg aus ihrer Misere und schon ergibt sich die erste Szene zum Lachen, als sie sich darüber streiten, wer von den beiden sich denn nun umbringt. Am Ende läßt der ältere Bruder dem Jüngeren den Vortritt. Von diesem Vorhaben erfährt nun ein Lokalreporter und die Geschichte wird zum Medienereignis. Manche Politiker reden ihm zu, andere halten ihn ab. Die Menschen gehen in einer Umfrage davon aus, dass es einen islamistischen Hintergrund gibt bzw. die Amerikaner an allem Schuld sind…hier werden auch die Medien ordentlich aufs Korn genommen, in deren Reihen die Regisseurin selbst jahrelang tätig war.
Die Regisseurin hat an diesem Film sechs Jahre lang gearbeitet und diese intensive Arbeit macht sich wirklich bezahlt. Für den Dreh mussten zu dem Drehort extra Straßen gebaut werden. Die Schauspieler stammen zum Teil aus der örtlichen Theatergruppe. All dies macht den Film sehr real.
Damit die Ernsthaftigkeit trotz aller Spaßigkeit nicht verloren geht, wird am Ende des Films noch einmal mit Zahlen darauf hingewiesen, wie tragisch sich die Situation der Bauern in Indien darstellt. Die Regisseurin möchte anmahnen, dass man in Indien nicht nur die großen Städte im Blick haben sollte, sondern dass es immer noch ein Dritte-Welt Land ist, in dem 70% der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben und man nicht versuchen kann, dieses Land mit den Maßstäben eines Erste-Welt-Landes zu führen.
Dieser Film hat es geschafft, ein wirklich ernstes Thema so auf die Leinwand zu bringen, dass man wunderbar unterhalten wird. Ob man durch den Film für dieses Thema sensibilisiert wird, kann ich nicht sagen, da ich mich auch schon vor dem Film damit befasst habe (siehe Monsanto und die Bauern-Selbstmorde in Indien). Aber diese Art des schwarzen Humors finde ich unbedingt sehenswert!

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