Bollywoodelfe's Blog

Eine deutsche Sicht auf Bollywood, Indien , Pakistan

Qarib Qarib Singlle – Bereit für eine neue Liebe?

Mit einem Irrfan Khan Film ist es, wie es ist: man kann nichts falsch machen. Es geht immer direkt ins Herz, wie spielfreudig er seine Rollen zelebriert. Bei Shahrukh Khan hätte es wahrscheinlich wieder große Diskussionen darum gegeben, dass er in seinem Alter doch bitte keine Romanzen mehr mit allzu jungen Damen auf der Leinwand darstellen sollte. Bei Irrfan muss man sich darüber keinen Kopf machen. Trotz fortgeschrittenen Alters steht ihm auch eine jugendliche Leinwandpartnerin sehr gut. Und Flirten kann Irrfan ganz meisterhaft! In diesem Fall muss man sich wohl eher an seine merkwürdige Erscheinung mit Lockenköpfchen, Schweißband und Jogginghose gewöhnen. Wenn dies gelungen ist, kann man sich ganz und gar auf eine außerordentlich charmante und unaufgeregte Romanze einlassen. Unaufgeregt im Sinne von: lassen wir mal den typischen Bollywoodtrubel weg. Wir sehen z.B. das ganz einfache Indien, Orte abseits der üblichen Touristenspots. Der Fokus liegt ganz allein auf dem redefreudigen Poeten Yogi und der jungen Witwe Jaya (Irrfan und Parvathy), die sich über ein Datingportal kennen lernen. Sie machen sich schließlich gemeinsam auf den Weg, ihren verflossenen Lieben noch einmal zu begegnen und diese Beziehungen aufzuarbeiten, damit sie wirklich bereit für eine neue Beziehung sind. Auf dieser Reise lernen sie natürlich viel über sich selbst und es ist sehr unterhaltsam, ihnen dabei zu zuschauen. Der quirlige Yogi, der schon mal den Flug oder den Zug verpasst, es ihm aber zu keiner Zeit die gute Laune verdirbt und die seriöse, ernsthafte Jaya, die mit diesen ungeliebten Überraschungsmomenten erst einmal zurecht kommen muss. Es ist zwar etwas zweifelhaft, wieso Jaya diese Reise mit einem Mann unternimmt, der sie ständig zur Weißglut bringt. Wiederum gut nachvollziehbar ist es, dass Irrfan einen derart um den Finger wickelt.
Das Schöne an dem Film ist: er prügelt nicht so manipulativ aufs Herz ein, wie es sonst Bollywoodfilme gerne wollen. Er schafft es auf eine ganz leichte und frische Art, dass man sich mit der Geschichte der Figuren anfrreunden kann ohne großes Tamtam. Das ist auch mal ganz schön. Man muss ja nicht immer gleich mit dem Gefühlshammer draufhauen.

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Qissa – wenn Geistergeschichten verwirren

Was kann man von einer deutsch-indischen Arthouse-Co-Produktion erwarten? Kopfschmerzen…oder vielleicht positiver ausgedrückt: einen Film, der noch lange nachhaltig beschäftigt/verwirrt und wahnsinnig viele Interpretationsmöglichkeiten zulässt.

Wer hat sich bloß wieder diesen deutschen Titel dazu ausgedacht? „Der Geist ist ein einsamer Wanderer“ Das hört sich doch nach einem ganz schlechten Liebesroman an. Qissa (die Geschichte/Erzählung) „The Tale of a Lonely Ghost“ klingt da weit neutraler, aber gibt lange nicht die Dramatik wieder, um die es geht.

Aber von vorn. Der Sikh Umber Singh muss durch die Teilung Indiens 1947 seine Heimat verlassen. Seine einzige Hoffnung, sein einziges Ziel ist es, einen Sohn als Erben zu haben. Als seine vierte Tochter geboren wird, akzeptiert er dies einfach nicht und gibt ihr den Namen „Kanwar“ (junger Prinz), erzieht sie als Mann.

Der Film ist vollgepackt mit Problematiken, die die indische Gesellschaft zu bieten hat: Die gewaltsame Teilung Indiens 1947 mit Millionen von Schicksalen, die bis heute nachwirken und die soviele traumatisierte Menschen hinterließ. Die Stellung der Frau in der indischen Gesellschaft, in der nur Söhne der Familie Glück und Segen bringen. Der mörderische Makel, ein Mädchen zu sein. Die Macht der Familie, die keinen Raum für ein eigenes individuelles Leben lässt. Traditionen, an denen sich festgeklammert wird und die in keiner Weise in Frage gestellt werden. Vergewaltigung…

Und am Ende erscheint Umber Singh als Geist…und hinterlässt einen sehr verwirrt (es ging nicht nur mir so). Denn alles andere ist ja Realität. Aber am Ende ist ein Fantasymärchen draus geworden. Mag sein, dass das eine sehr traditionelle indische Erzählart ist, Geister erscheinen zu lassen. Mag sein, dass der Regisseur dem Zuschauer ganz viele eigene Interpretationsmöglichkeiten für alle Situationen im Film offen lassen möchte. Dieser Wechsel vom realistischen gesellschaftskritischen Film zum Fantasyfilm lässt mich verwirrt zurück. Jeder Teil für sich ist sehr sehenswert. Grandiose Schauspieler, schöne Bilder. Aber zusammen gesehen… verwirrend.

Und die Moral von der Geschicht: du kannst ändern das Schicksal nicht?

Regisseur Anup Singh stand gestern beim IndoGerman Filmdinner per Skype für ein Q&A zur Verfügung und auf die Frage, was ihn zu diesem Drehbuch veranlasst hat, verwies er auf seine eigene Familiengeschichte. Seine Eltern mussten damals ebenfalls bei der Teilung Indiens fliehen. Er kennt viele Geschichten aus dieser Zeit. Damals sprangen die Mädchen und Frauen in Brunnen in den Tod, um sich vor Übergriffen zu schützen und das Wasser mit ihren Leichen für die Besatzer zu vergiften. Er kennt die Geschichte eines 60jährigen Mannes, dessen 14 Jährige Tochter damals auch in den Brunnen gesprungen ist. Das Mann hat immer noch jeden Tag Pläne für sie. Diese dramatischen Ereignisse wollte der Regisseur unbedingt verarbeiten.

Irrfan Khan wollte Film erst nicht drehen, weil er nicht in diese Tiefen hinab wollte, es würde Terror für ihn bedeuten, diese Rolle zu spielen. Dann überzeugte Anup Singh ihn aber mit dem Vergleich mit dem pakistanischem Pavarotti, dessen Gesicht beim Singen schrecklich verzerrt wird, aber man sieht trotzdem nur, was man hört, nämlich eine wundervolle Stimme, eine wundervolle Performance. Daraufhin hat Irrfan zugesagt und findet es nun die bisher beste Performance seiner Laufbahn.

Der Deutsche Kameramann Sebastian Edschmid war bei der Filmvorführung anwesend und erzählte, dass er aufgrund des historischen Hintergrundes gern mit einer Filmkamera gedreht hätte, aber das ist heutzutage viel zu teuer und es gibt kaum noch Kopiewerke. Daher hat er mit einer Digitalkamera gedreht, was dem historischen Aussehen des Films keinerlei Abbruch getan hat.

Qissa wird erst im September in Indien gezeigt, und dann auch nicht in kleinen Dörfern, sondern nur großen Städten.

Hier läuft er bereits in einigen großen Städten: http://kinofinder.kino-zeit.de/programmsuche/qissa-der-geist-ist-ein-einsamer-wanderer und am Samstag gibt es nochmal eine Vorstellung im Rahmen des IndoGerman FilmDinners im Babylon Berlin. Irrfan Khan ist für ein Q&A angefragt, weiß aber noch nicht, ob er die Zeit dafür haben wird, da er gerade „Jurassic World“ dreht.

http://www.qissa-derfilm.de/

http://www.film-zeit.de/Film/23865/QISSA/Kritik/

 

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D-Day – unvergesslicher Thriller

Um den Mann hinter dem größten indischen Verbrechersyndikat zu fassen, wird eine Mission gestartet, den in Karachi (Pakistan) lebenden Iqbal Seth bei der Hochzeit seines Sohnes festzunehmen. So der Plan, der leider fatal schief geht.

Also diesem Film stehe ich doch etwas zwiegespalten gegenüber. Auf der einen Seite wunderbare Schauspieler, die beste Filmmusik seit langem und einzigartige Szenen, die noch ewig in meiner Erinnerung immer wieder abgespielt werden. Auf der anderen Seite eine etwas unausgegorene Handlung.  Hätte ich von dem Regisseur von „LunchBox“ so jetzt nicht unbedingt erwartet. Aber man erkennt in einigen Szenen doch deutlich seine Handschrift. Allein für die Szene, in der die Prostituierte umgebracht wird, weil sie Kontakt zum an der Mission beteiligten Captain der Mission hatte und die Leute des Verbrechersyndikats mehr von ihr über ihn wissen wollten,  hat es sich gelohnt, diesen Film zu sehen. Ich habe noch nie jemanden so wunderschön sterben sehen. Einfach großartig! Einzigartig!

Preise gab  es für den Film bei den Filmfare-Awards für den besten Schnitt und die beste Action. Ein gut gemachter Thriller, keine Frage. Mit einigen unvergesslichen Szenen.

Diesen bekannten Verbrecher hat es wohl gegeben, inwieweit der Film auf Tatsachen beruht, kann ich nicht sagen. Der Regisseur meinte nur, dass der Film in Pakistan wohl verboten worden wäre.

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Premiere von Lunchbox – Manchmal fährt der falsche Zug zum richtigen Ort

Heute war die Premiere von Lunchbox in Berlin. Das Spielfilmdebut des indischen Regisseurs Ritesh Batra, gefördert durch das Medienboard Berlin Brandenburg und ARTE, wird ab dem 21.11. in allen Kinos zu sehen sein. Es wird eine deutsch-synchronisierte Fassung geben, wir durften das Original mit Untertiteln sehen.

Der zentrale Leitsatz des Films, den mir der anwesende Regisseur auch als Autogramm signierte war: Manchmal fährt der falsche Zug zum richtigen Bahnhof.

In Indien liefern die Dabbawallas das Essen an die im Büro arbeitenden Männer für die Mittagspause aus, welches die Frauen mit viel Liebe zubereiten. (http://www.arte.tv/de/das-perfekte-chaos/3898460,CmC=3896176.html) Sie sind perfekt organisiert, müssen täglich 200.000 Essen in Mumbai ausliefern und nutzen dazu einen Nummerncode. Ohne Computer, ohne lesen zu können. Das funktioniert erstaunlicherweise so gut, dass von 16 Millionen wohl nur eine Dose verloren geht. Im Film geht diese eine Dose an die falsche Adresse, den falschen Mann. Aber letztlich ist es genau die richtige Adresse, denn die zwei kommen sich über diese Lunchbox mit Briefen so nahe, dass eine kleine Romanze entsteht. Sie finden in ihrer Lebenssituation Trost und Hoffnung.

Ein wirklich toller Liebesfilm! Irrfan Khan ist einfach ein großartiger Schauspieler. Allein seine Mimik, wie er verstohlen um sich blickt, wenn er an der Lunchbox riecht, wenn er den für ihn bestimmten Brief öffnet, wenn er mit Spannung das Essen in den Boxen erforscht. Das bringt wahre Freude. Nimrat Kaur ist natürlich ebenso bezaubernd und überzeugend. Der Film ist sehr dokumentarisch, mit echten Straßenverkehrszenen, echten Dabbawallas. Man ist im wirklichen Indien. Man riecht und schmeckt förmlich das Essen mit.

Keine Angst, das ist kein Bollywood-Film, wo gesungen und getanzt wird. Das ist ein schöner Film über das oft nicht so schöne Leben. Ich muss aber davor warnen, hungrig in diesen Film zu gehen. Denn dann knurrt einem ständig der Magen angesichts dieser leckeren Mahlzeiten. Auf der offziellen Webseite gibt es auch Rezepte zum Nachkochen. Ja, die Liebe für den Film geht wohl auch durch den Magen des Kinobesuchers.

Das offene Ende ist vielleicht ein kleiner Schlag in die Magengegend, aber hier soll sich laut Regisseur jeder sein eigenes Ende erdenken. Welches Ende würdet ihr favorisieren?

Unbedingt sehenswert! Auf ins Kino!

Webseite zum Film: http://www.lunchbox-derfilm.de/

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