Bollywoodelfe's Blog

Eine deutsche Sicht auf Bollywood, Indien , Pakistan

IndoGermanFilmWeek 2020

- Oktober 1, 2020

Im Corona Jahr ist alles anders. Immerhin, die IndoGermanFilmWeek fiel nicht ganz aus, wie so viele andere Veranstaltungen in diesem Jahr und ich hatte das ganz ganz große Glück, dass ich mir die Filme alle online anschauen konnte, weil ich Teil der Jury des Filmfestivals sein durfte. Für mich eine neue, aufregende, spannende, bereichernde und wirklich interessante Gelegenheit, mich mit den anderen Jury-Mitgliedern über die gesehenen Filme zu unterhalten. Zu sehen, wo sich ganz eindeutig die Geister scheiden und wo es aber auch eindeutige Übereinstimmungen gibt. Im Folgenden möchte ich auf die gesehenen Filme mit ihren Besonderheiten eingehen und auf die Preise eingehen, die wir als Jury vergeben haben.

Roam Rome Mein – Normalerweise mag ich surreale Filme und absurde Situationen. Filme, die einen fragend zurück lassen und man noch lange darüber nachdenken muss. Normalerweise ist Nawazuddin Siddiqui als Darsteller für mich ein Garant, dass es ein schönes Filmerlebnis wird. Was ich nicht bestreiten kann: der chauvinistische Mann wird hier auf eine ganz andere Art als sonst beleuchtet. Aber für mich wirkte alles zu sehr gewollt künstlerisch, zusammengestückelt aus surrealistischen Ideen, die man schon irgendwo anders gesehen hat. Die feministischen Predigten zu plump reingeworfen, alles wirkt so erzwungen. Für den Großteil der Jury war der Film aber ein absolutes Highlight, eben so ganz anders als die sonstigen Filme, so dass “ Roam Rome Mein“ zum Siegerfilm gekürt wurde.

Pareeksha – diesen Film würde ich als klassischen Bollywoodfilm bezeichnen. Emotionsgeladen, viel zu lang, dramatisch und am Ende aber ist doch alles gut. Es gibt viele Dinge, die unrealistisch sind. Aber definitiv klagt der Film die Problematik an, dass es Kinder aus unteren Kasten es trotz einer Schulbildung nie schaffen werden, etwas aus ihren großartigen Fähigkeiten zu machen, solange es nur eine öffentliche Schule ist und keine Eliteschule. Ich habe den Film sehr genossen, auch wenn er zeitweise zu langgezogen war, ich habe mich an diese bollywoodsche Machart ja so viele Jahre gewöhnt. Adil Hussain spielt den Riksha-Fahrer so großartig und überzeugend, der auch falsche Wege bestreitet, damit sein Sohn eine bessere Zukunft hat und nicht wie er, so hart als Riksha-Fahrer ums tägliche Überleben kämpfen muss. Für diese Schauspielkunst haben wir ihn als Jury zum besten Darsteller ernannt. Für mich waren auch rundum alle Schauspieler in diesem Film absolut überzeugend und mitreißend. Toller Film!

Maighat – Am Ende siegt dann doch die Gerechtigkeit. Man muss als Mutter nur 13 lange Jahre dafür investieren, um Gerechtigkeit für ihren von Polizisten getöteten Sohn zu erlangen. Und der Film beruht auf einer wahren Geschichte. Das muss ein Film erstmal schaffen, eine so lange Zeit im Kampf um Gerechtigkeit darzustellen, ohne dass es dem Zuschauer langweilig wird. Was die Hauptdarstellerin Usha Jadhav hier leistet, ist außergewöhnlich stark. Ohne viel Worte, allein mit ihrer Mimik, ihren Gesten sagt sie alles. Für diese Leistung haben wir sie als Jury als beste Darstellerin ausgezeichnet. Eine sehr beeindruckende Geschichte, die auch beeindruckend erzählt wurde.

Nasir – Der Film plätschert erstmal so vor sich hin, es gibt viele Szenen, in denen nicht viel passiert. Es wird ein ganz normaler Alltag eines ganz normalen Geschäftsmannes in einem Kleidergeschäft gezeigt. Es gibt viele Großaufnahmen. Und dann am Ende: bäm! Dieses Ende wird niemand vergessen. Und es kommt nach all den actionfreien Szenen zuvor ziemlich brutal herein geplatzt. Ein Film zum Aufwachen, ein Appell an die Menschlichkeit. Der Sonderpreis der Jury geht an den Film für seinen besonderen sozialen Kontext.

Moothon  – Die Thematisierung einer gleichgeschlechtlichen Liebe in indischen Filmen ist immer einen Rarität und funktioniert oft nicht ganz so gut. In dem Punkt ein außergewöhnlich starker Film. Die Hindustan Times betitelt ihn als einer der besten indischen Filme des Jahres. Für mich persönlich ging das Thema insgesamt im Film etwas unter, weil man noch zu sehr damit beschäftigt war, dass die Schwester versucht, ihren Bruder in Mumbai zu finden. Gerade noch in ihrem idyllischen Inselparadies geradewegs hinein in die grausame Unterwelt von Mumbai. Alles ganz starke Bilder, keine Frage: ein toller Film. Die Jury vergab einen Sonderpreis für den Nebendarsteller, der eigens für die Rolle wirklich die Gebärdensprache lernte.

Biryaani – So tief und real bin ich bisher filmisch noch nicht in die muslimische Welt eingedrungen. Von der Beschneidung, der geopferten Ziege bis zum Sex in der islamischen Gesellschaft inklusive Prostitution. Hier wird der harte Weg einer Frau gezeigt, die von der muslimischen Gesellschaft ausgestoßen wird, weil ihr Bruder zum IS gegangen ist. Die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin auf jeden Fall sehr beeindruckend.

Nirvana Inn – Für den Film muss man echt gemacht sein. Absolut düstere Thematik mit besten Horrorelementen. Wer sich auf psychologische Art gruseln möchte, ist hier gut aufgehoben. Adil Hussain zeigt auch hier wieder seine große Schauspielkunst.

Kastoori – MUSK – für mich persönlich der beste Film. Weil es keine Geschichte ist, die schon tausendmal zuvor erzählt und alles so absolut realistisch dargestellt wurde. Es wird nicht mit dem Zeigefinger auf den wunden Punkt des Kastensystems gelegt, sondern der wunde Punkt wird einfach von sich aus sichtbar beim Erzählen der Geschichte. Der Junge, der nicht zur Schule gehen darf, weil er lieber einen richtigen Job machen soll, obwohl er Klassenbester ist. Der beim Sezieren von Toten helfen muss. Wozu ein Kind in seinem Alter niemals verpflichtet sein sollte. Der sich nichts sehnlicher wünscht, als diesen Geruch der Toten loszuwerden. Der diesen Traum hat von einem ganz speziellen Duft, der ihm über diesen Verwesungsgeruch hinweg helfen könnte, den er ständig mit sich tragen muss. Der ihn stets und immer begleitet und brandmarkt als jemanden aus der untersten Kaste. Ich war total drin in dieser Geschichte, weil alles so realistisch war. Die Orte, die Menschen, die sympathische Freude des Jungen, wenn er an diesen Duft auch nur dachte. Das ging mir direkt ins Herz. Schöne Bilder. Kein Tamtam. Nichts gekünstelt. Einfach nur die Realität.

Josef Born in Grace  – Pater O’Hara nimmt Joseph als Waisenkind auf und zieht ihn mit Hilfe von Maularam, seinem Hausmeister, auf. Der Film beleuchtet die Beziehungen, die diese drei Männer untereinander haben, sowie die Einsamkeit, mit der jeder von ihnen auf eigene Faust konfrontiert ist. Ich muss ehrlich zugeben, dass mich die Naturaufnahmen vom Himalaya deutlich mehr in den Bann gezogen haben, als die Geschichte. Diese Naturaufnahmen sind absolut sehenswert und wunderschön und lassen einen entspannt zurück, als wäre man gerade selbst dort gewesen.

Breaking Barriers – The Castless Collective – beeindruckende Doku über Musiker, die sich zusammengeschlossen haben, um mit ihren Songs zu unterhalten und gleichzeitig über die Missstände der Ungleichheiten in der indischen Gesellschaft hinzuweisen, ohne zu provozieren. Das Kastenwesen ist natürlich die am meisten erkennbare Form der Ungleichheit. Sie wollen mit ihren Songs einen sozialen Wandel bewirken. Wenn sie z.B. im Menstruation Song darauf hinweisen, dass es die natürlichste Sache der Welt ist und die Frau deswegen nicht als unrein betrachtet werden sollte, die in dieser Zeit nicht in den Tempel darf oder gar draussen schlafen muss. Ich kannte die Folksmusik Gaana von den Menschen aus dem Norden Chennais bisher nicht und bin jetzt definitiv ein Stück schlauer.

The Little God – Wer kennt das nicht…manchmal wünscht man sich auch böse Dinge. Im Film sind das dann böse Gebete, wo sich ein kleiner Junge wünscht, dass jemand stirbt, damit er einen freien Tag von der Schule bekommt. Als dann allerdings der Großvater stirbt, glaubt er natürlich, er ist wegen seiner Gebete daran Schuld und versucht es mit einer guten Tat wieder gut zu machen. Insgesamt ganz nett gemacht.

Guldasta – Hier werden verschiedene Frauen-Charaktere beleuchtet. Diesen Film fand ich schwierig anzusehen, vor allem wegen der sehr leidenden betrogenen Ehefrau, die wirklich alles über sich ergehen lässt. Die sich ohne Kind vollkommen wertlos vorkommt und so gar nichts ihr eigen Leben nennen kann. Oft sehr gequälte, gekünstelt wirkende Dialoge. Wirklich wertvoll hat den Film für mich nur Swastika Mukherjee als Dolly gemacht. Ihre Schauspielkunst hat mich in ihren Bann gezogen. Ihre Art, sich in andere Menschen hinzufühlen, sich wohl fühlen zu lassen in ihrer Gegenwart und diese Wirkung in keinster Weise von der absolut schwierigen Situation, in der sie sich befindet, berühren zu lassen.

Kalla Nottam – ein Junge stiehlt eine GoPro aus einem Laden und wir sehen die ganze Geschichte aus der Sicht der GoPro. Für mich persönlich war das zu schwierig, mit dieser Sichtweise der Geschichte und den Menschen im Film näher zu kommen.


13 responses to “IndoGermanFilmWeek 2020

  1. Anonymous sagt:

    Dollywoodelfe

  2. Anonymous sagt:

    gibt es noch Bollywoodelfe?

  3. Ja Bollywoodelfe muss nur noch dieses Katastrophenjahr hinter sich lassen und Kräfte sammeln, um im neuen Jahr wieder in die bunte Welt Bollywoods einzutauchen;)

  4. Anonymous sagt:

    geil 😀

  5. Anonymous sagt:

    vielen vielen Dank!🤗

  6. Anonymous sagt:

    Hallo Bollywoodelfe,
    wenn ich mich nicht irre, habe ich dich neulich in einer Netflix-Serie „Das Damengambit“ gesehen. habe ich recht?

    • Wow, da muss man aber ganz besonders gute Augen haben, um mich dort zu erkennen;) ja sehr richtig erkannt! Das war ein ganz spannender Drehtag für eine wirklich besonders tolle Serie!

      • Anonymous sagt:

        lol, ich bin Brillenträger, falls du dich an mich erinnerst.
        Es liegt daran, dass du immer noch so aussiehst, wie ich dich letztes Mal vor vielen vielen Jahren gesehen habe.
        Bleib weiter so fit und gesund.

      • Oh dann vielen Dank für das Kompliment, ich gebe mir Mühe;)

  7. Anonymous sagt:

    Hallo Bollywoodelfe,

    wann kommt neues Content?
    Diese Seite darf nicht sterben, weil ich sehr mag, wie du Filmgeschichte beschreibt.

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