Bollywoodelfe's Blog

Eine deutsche Sicht auf Bollywood, Indien , Pakistan

Qissa – wenn Geistergeschichten verwirren

- Juli 11, 2014

Was kann man von einer deutsch-indischen Arthouse-Co-Produktion erwarten? Kopfschmerzen…oder vielleicht positiver ausgedrückt: einen Film, der noch lange nachhaltig beschäftigt/verwirrt und wahnsinnig viele Interpretationsmöglichkeiten zulässt.

Wer hat sich bloß wieder diesen deutschen Titel dazu ausgedacht? „Der Geist ist ein einsamer Wanderer“ Das hört sich doch nach einem ganz schlechten Liebesroman an. Qissa (die Geschichte/Erzählung) „The Tale of a Lonely Ghost“ klingt da weit neutraler, aber gibt lange nicht die Dramatik wieder, um die es geht.

Aber von vorn. Der Sikh Umber Singh muss durch die Teilung Indiens 1947 seine Heimat verlassen. Seine einzige Hoffnung, sein einziges Ziel ist es, einen Sohn als Erben zu haben. Als seine vierte Tochter geboren wird, akzeptiert er dies einfach nicht und gibt ihr den Namen „Kanwar“ (junger Prinz), erzieht sie als Mann.

Der Film ist vollgepackt mit Problematiken, die die indische Gesellschaft zu bieten hat: Die gewaltsame Teilung Indiens 1947 mit Millionen von Schicksalen, die bis heute nachwirken und die soviele traumatisierte Menschen hinterließ. Die Stellung der Frau in der indischen Gesellschaft, in der nur Söhne der Familie Glück und Segen bringen. Der mörderische Makel, ein Mädchen zu sein. Die Macht der Familie, die keinen Raum für ein eigenes individuelles Leben lässt. Traditionen, an denen sich festgeklammert wird und die in keiner Weise in Frage gestellt werden. Vergewaltigung…

Und am Ende erscheint Umber Singh als Geist…und hinterlässt einen sehr verwirrt (es ging nicht nur mir so). Denn alles andere ist ja Realität. Aber am Ende ist ein Fantasymärchen draus geworden. Mag sein, dass das eine sehr traditionelle indische Erzählart ist, Geister erscheinen zu lassen. Mag sein, dass der Regisseur dem Zuschauer ganz viele eigene Interpretationsmöglichkeiten für alle Situationen im Film offen lassen möchte. Dieser Wechsel vom realistischen gesellschaftskritischen Film zum Fantasyfilm lässt mich verwirrt zurück. Jeder Teil für sich ist sehr sehenswert. Grandiose Schauspieler, schöne Bilder. Aber zusammen gesehen… verwirrend.

Und die Moral von der Geschicht: du kannst ändern das Schicksal nicht?

Regisseur Anup Singh stand gestern beim IndoGerman Filmdinner per Skype für ein Q&A zur Verfügung und auf die Frage, was ihn zu diesem Drehbuch veranlasst hat, verwies er auf seine eigene Familiengeschichte. Seine Eltern mussten damals ebenfalls bei der Teilung Indiens fliehen. Er kennt viele Geschichten aus dieser Zeit. Damals sprangen die Mädchen und Frauen in Brunnen in den Tod, um sich vor Übergriffen zu schützen und das Wasser mit ihren Leichen für die Besatzer zu vergiften. Er kennt die Geschichte eines 60jährigen Mannes, dessen 14 Jährige Tochter damals auch in den Brunnen gesprungen ist. Das Mann hat immer noch jeden Tag Pläne für sie. Diese dramatischen Ereignisse wollte der Regisseur unbedingt verarbeiten.

Irrfan Khan wollte Film erst nicht drehen, weil er nicht in diese Tiefen hinab wollte, es würde Terror für ihn bedeuten, diese Rolle zu spielen. Dann überzeugte Anup Singh ihn aber mit dem Vergleich mit dem pakistanischem Pavarotti, dessen Gesicht beim Singen schrecklich verzerrt wird, aber man sieht trotzdem nur, was man hört, nämlich eine wundervolle Stimme, eine wundervolle Performance. Daraufhin hat Irrfan zugesagt und findet es nun die bisher beste Performance seiner Laufbahn.

Der Deutsche Kameramann Sebastian Edschmid war bei der Filmvorführung anwesend und erzählte, dass er aufgrund des historischen Hintergrundes gern mit einer Filmkamera gedreht hätte, aber das ist heutzutage viel zu teuer und es gibt kaum noch Kopiewerke. Daher hat er mit einer Digitalkamera gedreht, was dem historischen Aussehen des Films keinerlei Abbruch getan hat.

Qissa wird erst im September in Indien gezeigt, und dann auch nicht in kleinen Dörfern, sondern nur großen Städten.

Hier läuft er bereits in einigen großen Städten: http://kinofinder.kino-zeit.de/programmsuche/qissa-der-geist-ist-ein-einsamer-wanderer und am Samstag gibt es nochmal eine Vorstellung im Rahmen des IndoGerman FilmDinners im Babylon Berlin. Irrfan Khan ist für ein Q&A angefragt, weiß aber noch nicht, ob er die Zeit dafür haben wird, da er gerade „Jurassic World“ dreht.

http://www.qissa-derfilm.de/

http://www.film-zeit.de/Film/23865/QISSA/Kritik/

 

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