Bollywoodelfe's Blog

Eine deutsche Sicht auf Bollywood, Indien , Pakistan

Thithi – Beerdigung auf indisch

- Oktober 15, 2019

Bevor der über 100jährige Century Gowda das Zeitliche segnet, lernen wir ihn noch als leidenschaftlichen Pöbler kennen. Während er an der Hauptstraße des Dorfes sitzt, wird jede Person von ihm mit Schimpftiraden beschenkt. „Was stimmt nicht mit dir, geh schlafen“, „Wo hast du deine Frau gelassen, was soll aus dir werden, du nutzloser Penner“. Selbst die Kinder sind vor seinen Beschimpfungen nicht sicher. Im Alter hat man offensichtlich seinen Spaß daran, alle nach Lust und Laune anzupöbeln. Die Beschimpften sehen es mit Humor bzw. überhören es eben einfach. Kurz darauf stirbt er.

Als die Dorfbewohner ihn tot auffinden und seinen ältesten Sohn Gaddappa (was soviel heißt wie „der bärtige Mann“) über dessen Tod informieren, bekommen sie von ihm nur „Das ist ok. Das ist kein Ding.“ zu hören. Gaddappa hat überhaupt keine Lust auf die Beerdigungsrituale, die nun folgen. Schließlich bekommen die Toten davon nichts mit, so seine Meinung. Zum Beerdigungsumzug gehört auch eine Brassband, die für eine festliche Stimmung sorgt. Lustigerweise bin ich neulich beim Dreh für eine Netflix-Serie ebenso mit einer Blechkapelle über einen (deutschen) Friedhof gezogen. Der Regisseur pries diese Situation als „Novum“ an und fand die Idee ganz toll. Da muss man als Kenner von indischen Beerdigungskapellen natürlich milde lächeln. Aber das tatsächlich selbst einmal mitzuerleben war auch für mich eine Neuheit und ich muss sagen, das sollte auch in Deutschland viel öfter auf Friedhöfen stattfinden. Mit einer Blasmusikkapelle fällt es einem viel leichter, sich vor allem an die schönen Seiten mit dem Verstorbenen zu erinnern und dies „herauszuposaunen“.

Zudem lernt man nebenbei noch vieles über die Beerdigungsrituale in Indien kennen. Nach der Verbrennung des Toten wird der Astrologe befragt, wann der beste Zeitpunkt für die Beerdigungsrituale sind. Dann werden alle aus den umliegenden Dörfern persönlich zur Beerdigung eingeladen. Die fragen dann geradeheraus, ob es nur Gemüse oder auch Fleisch zu essen geben wird. Wenn die Antwort lautet, dass extra Schafe geschlachtet werden, freut man sich auf den Totenschmaus besonders.

Wie überall in der Welt beginnt nun nach dem Tod eines Verwandten die Leichenfledderei. In diesem Fall möchte der Enkel Thammanna das Land erben. Dem steht noch der Vater Gaddappa im Weg. Der interessiert sich allerdings nicht für den Wunsch seines Sohnes, das Land auf ihn zu überschreiben. Er lebt lieber ohne solch schwerwiegenden Gedanken in den Tag hinein, trinkt gern Alkohol und spielt mit den Schulkindern Spiele. Um nun trotzdem an das Land zu kommen und es nicht den Brüdern seines Vaters zu überlassen, versucht Thammanna seinen Vater für tot zu erklären. Dafür will er ihn mindestens ein halbes Jahr auf Reisen schicken. Gaddappa nimmt dann auch den nächstbesten Bus…die Verwicklungen, die nun folgen, sind absolut aberwitzig und äußerst unterhaltsam.

Der Film hat nicht umsonst zahlreiche Filmpreise verliehen bekommen. Es ist eine illustre Geschichte über ein liebenswürdiges Dorfleben mit ganz vielen realen Eindrücken. Eine dieser ganz besonderen Perlen indischer Filmkunst abseits von Bollywood und Blockbustern. Das ganz normale verrückte indische Dorfleben eben.

Zu sehen bei Netflix: https://www.netflix.com/de/title/80107370

EN

Before the more than 100-year-old Century Gowda leaves the world, we get to know him as a passionate trouble maker. While sitting on the main street of the village, each passerby is greeted by ranting. „What’s wrong with you, go to sleep,“ „Where did you leave your wife, you useless bum?“ Even the children are not safe from his abuse. In old age, obviously, it’s fun to abuse everyone at your whim. Those insulted take it with humor or simply just ignore it. Shortly afterwards, the old man dies.

When the villagers find him dead and inform his eldest son Gaddappa (which means „the bearded man“) about his death, he only says „That’s ok. That’s not a thing. “ Gaddappa does not have any interest in the funeral rites that will follow. After all, in his opinion, the dead are unaware of this. The funeral parade also includes a brass band, which provides a festive atmosphere. Funnily enough, the other day while filming for a Netflix series, I also went with a brass band through a (German) cemetery.

The director praised this situation as a „novelty“ and found the idea really great. Of course, when you know these Indian funeral chapels, you can smile a bit. But actually experiencing it myself was also a novelty for me and I have to say that in Germany, too, this should take place much more often in cemeteries. With a brass band it is much easier to remember and celebrate the beautiful side of the deceased and to „get it out“.

In addition, you will learn a lot more about the funeral rites in India. After burning the dead body, the astrologer is asked when is the best time for the funeral rites. Then everyone from the surrounding villages is personally invited to the funeral. They ask directly, if there will be meat or vegetables to eat at the funeral. When they find out that a sheep has been slaughtered for the meal, they especially look forward to the funeral feast.

Like everywhere else in the world, fighting over the inheritance begins after the death of a relative. In this case, the grandson Thammanna wants to inherit the land right from his dead grandfather. His father Gaddappa stands in the way. However, he is not interested in leaving the land to his son. He prefers to live day to day without such serious thoughts, drinking alcohol and playing games with the schoolchildren.

In order to get to the land anyway and not have it left to his uncles, Thammanna tries to declare his father as dead. He wants to send him for at least half a year traveling. Gaddappa decides to  take the next best bus out of town … the complications that follow are absolutely crazy and extremely entertaining.

The film has been awarded numerous film prizes. It is an illustrious story about a lovely village life with many real impressions. One of those very special pearls of Indian film art away from Bollywood and blockbusters. Just the normal crazy Indian village life.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: