Bollywoodelfe's Blog

Eine deutsche Sicht auf Bollywood, Indien , Pakistan

Lion – nur das Leben schreibt solche epischen Geschichten

- Februar 21, 2017

Ich bin absolut „geflasht“ von Lion! Mir fehlen einfach die richtigen Worte für das, was ich hier auf großer Leinwand gesehen habe.
Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass mich doch nochmal ein Hollywood-Film so tief bewegen würde, seitdem dies seit Jahren eigentlich nur noch indische Filme wirklich schaffen.
Das Leben schreibt wie immer die unglaublichsten Geschichten, aber diese Geschichte ist so unfassbar und dazu auch noch wirklich so geschehen und so bewegend von den großartigen Schauspielern erzählt, dass man hier wirklich ein außerordentliches filmisches Ereignis erleben darf, in dem alles stimmt.

Der 5jährige indische Junge Saroo geht verloren, aber nicht mal eben um die Ecke, sondern ganze 1.600 Kilometer weit weg, weil er in einem Zug einschläft, als er seinem Bruder bei der Nachtarbeit helfen wollte.
Niemand sieht sich in der fremden Stadt verantwortlich, ihm zu helfen, wieder nach Hause zu finden. Es gibt tausende obdachlose Kinder, die sich täglich auf der Suche nach Essen und einem Schlafplatz herum treiben. Von einem Tag auf den anderen gehört nun auch er dazu und muss versuchen, in einer der härtesten Städte der Welt, Kalkutta, schutzlos zu überleben.
Er steht dabei so oft vor dramatisch gefährlichen Situationen, aus denen er sich rein instinktiv und dank einem unsichtbaren Schutzwall immer wieder befreien kann.
Ich konnte nur immer wieder ungläubig staunen, was für einen gigantischen Überlebensinstinkt so ein kleiner Mensch mit sich bringen kann.
Ich hätte keinen einzige Tag überlebt, sondern wäre wahrscheinlich sofort in die Fänge von brutalen Kinderhändlern geraten.
Und diese Dramatik wird von dem kleinen SUNNY PAWAR so unglaublich echt gespielt, dass man mit ihm zusammen diese dramatischen Ereignisse hautnah miterlebt und entsprechend gefesselt mitfiebert (hah! Sunny, was für ein grandios passender Name für diesen Sonnenschein in seiner reinsten Form).

Die Rettung zumindest aus diesem Sumpf der absoluten Schutzlosigkeit naht in Form eines Menschen, der sich dann doch seiner Geschichte annimmt und ihn aufs Polizeirevier bringt. Leider spricht er sein Heimatdorf schlichtweg falsch aus und die Suche nach seinen Verwandten bezieht sich logischerweise nur auf die Gegend, so dass bald die Hoffnung aufgegeben wird, seine Mutter zu finden, die zudem Analphabetin ist und die Zeitungsannonce nie hätte lesen können.
Nun wird Saroo (der zudem auch seinen Namen falsch ausspricht) an eine australische Familie adoptiert. Nicole Kidman als Adoptivmutter hat natürlich genug eigene Erfahrungen, um so eine Rolle absolut realistisch darzustellen und ist nicht ohne Grund hier für den Oscar nominiert.
Bei solchen Adoptionen bin ich mir immer nicht sicher, ob es für die Kinder wirklich gut ist, sie aus ihrem Land und ihrer Kultur zu reißen und es nicht besser wäre, sie vor Ort zu unterstützen.
Ohne Zweifel bewundere ich die Meinung des Ehepaares, dass es genug Kinder auf der Welt gibt, denen es nicht gut geht und denen man ein Zuhause geben sollte, anstatt eigene Kinder zu zeugen. Dieser Meinung bin ich auch.
Eines ist sicher, Saroo hätte nie ein so chancenreiches Leben in Indien gehabt. In Australien konnte er alles an Bildung und Beruf ausschöpfen.
Aber die Vergangenheit holt Saroo, nun gespielt vom charming Dev Patel, irgendwann so schmerzlich ein, dass er eben nicht mehr einfach so ein normales Leben weiterführen kann, ohne noch einmal ins Gesicht seiner Mutter zu blicken.
Natürlich nicht, ohne auch in den Konflikt zu geraten, dass er seine Adoptivmutter nicht mit diesem Wunsch, seine „biologische“ Mutter zu finden, kränken möchte.
Einer der schönsten Sätze aus diesem Film ist seine Aussage, dass es ihn krank macht, dass man sein privilegiertes Leben einfach so dahin plätschern lässt.
Eine verzweifelte Suche beginnt und man mag es eigentlich nicht glauben, aber er wollte einfach nicht aufgegeben (Never give up!) und beschwört die letzten Fetzen kindlicher Erinnerung herauf.
Und kann am Ende tatsächlich dank Google Earth sein Dorf finden und dorthin reisen und nach 25 Jahren(!!!) seine Mutter wieder in die Arme schließen.
Wer spätestens in dieser Situation keine Träne verdrückt, ist vollkommen empathielos.

Am Ende des Films beglückte uns der echte Saroo Brierley mit seiner Anwesenheit und Knut Elstermann persönlich befragte ihn zu seinem Schicksal.
Hier ein paar unglaubliche Fakten, die man noch wissen sollte (abgesehen davon, dass ich mir das Buch zum Film durchlesen werde, um noch tiefer einzutauchen)
– ein Wahrsager hatte der Mutter voraus gesagt, dass es ihrem Jungen gut geht und er eines Tages wiederkehren wird. Sie ist daher niemals umgezogen, damit er sie finden kann
– seine australische Mutter war außerordentlich davon angetan, dass sie im Film von Nicole Kidman verkörpert wird und Saroo konnte bestätigen, dass es absolut so dargestellt wurde, wie die Situation für ihn damals war
– der echte „Lion“ sieht sich als Australier…aufgewachsen mit der Kultur, Sprache, dem Land
– seine biologische Mutter in Indien ist zufrieden damit, zu wissen, dass es ihm gut geht und dass sie ihn jederzeit anrufen könnte
– Saroj Sood, die seine Adoption aus dem indischen Waisenhaus verwaltet hat, ist die Gründerin der indischen Adoptionsbehörde ISSA und war eine Schülerin von Mutter Theresa

Ich verrate hier natürlich nicht alles…einige überraschende (nicht weniger dramatische) Dinge gibt es immer noch zu erfahren, wenn man sich diesen unglaublichen tollen Film persönlich anschaut.
Die Schauspieler geben dieser Geschichte so unglaublich viel Realität, dass man noch lange lange danach von diesem Film erfasst sein wird und nicht zu vergessen, der schon fast bollywoodeske dramatische Einsatz der Filmmusik, der wirklich noch mal einiges dazu beiträgt, dass man diesen Film so emotional mit erlebt.
Für mich unerlässlich war die Originalversion mit Untertiteln. Gerade die Szenen in Indien leben ja durch die originale Sprache und die Stimme des kleinen Saroo MUSS man einfach einmal im Original gehört haben. Dann ist man sofort verliebt in diesen kleinen großen Löwen und möchte ihn auf der Stelle adoptieren.
Nicht vergessen möchte ich auch den (für mich überraschenden) Auftritt von meinem Lieblingsschauspieler Nawazuddin Siddiqui, der solch böse Rollen immer so pervers sympathisch spielen kann.

Abgesehen von den 6 Oscar-Nominierungen (bald wissen wir ja mehr), die für den Film sprechen, ist auch die Bewertung der User bei Rotten Tomatoes immer ein guter Hinweis, und hier mögen den Film ganze 93% !

Und hier noch die Bilder von der Sondervorführung im Delphi Filmpalast mit Saroj Sood, auf dessen Lebensgeschichte dieser wunderbare Film basiert:

In diesem Sinne: Never give up!

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3 responses to “Lion – nur das Leben schreibt solche epischen Geschichten

  1. Sehr schöner Bericht, macht mich ganz gespannt darauf. Mir hat ja auch Slumdog Millionaire gefallen, in Indien kam der Film ja nicht ganz so gut an. Incredible India werde ich dieses Jahr wieder besuchen, da ist der Film schon mal eine Einstimmung http://wp.me/p7MnRe-bG

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